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Erschienen
"Wind Ensemble" zeigt fulminanten Klangkörper
02/2003
Mit Musik kann man Denkmäler setzen, die unerschütterlicher sind, als alle Steinmonumente, so werden Musikfreunde am ersten Sonntag im Februar bei sich gedacht haben, als mit dem Benefizkonzert des Projektorchesters "Wind Ensemble 2003" Manfred Keller, dem langjährigen unermüdlichen Verfechter anspruchsvoller Blasmusik, in der Stadthalle Hockenheimdie Ehre gegeben wurde.

Mit dem Konzert unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Gustav Schrank wollen die rund 60 Musiker des eigens für dieses Konzert gegründeten Orchesters die Einrichtung einer Stiftung im Namen des 1995 auf sehr tragische Weise mitten aus seinem Wirken herausgerissen Verstorbenen unterstützen. Als eines der vielen unerledigten Ziele des langjährigen Dirigenten des Verbandsjugendorchesters des Blasmusikverbandes Karlsruhe soll mit den Mitteln der "Manfred-Keller-Stiftung" insbesondere die Förderung der anspruchsvollen Blasmusik finanziell vorangetrieben werden.

Ein hervorragendes Beispiel für eben diese "gute" Blasmusik gab das Ensemble, das Stefanie Dietz, auch in unserer Region bekannte Klarinettistin, die bei letzten Konzert der Stadtkapelle ein überzeugendes Beispiel ihres Könnens vorgeführt hat, und Rüdiger Müller , ein hochkarätiger Musiker, über dessen Qualitäten in der Heimat der Stadtkapelle noch Worte zu verlieren blanker Übermut wäre, zusammengetrommelt hatten. Zur Vorbereitung hatte man nur ein einziges Probenwochenende zur Verfügung, schon allein daran mag man ermessen, dass sich hier ausschließlich semiprofessionelle Musiker aus den verschiedensten Orchestern aus ganz Baden-Württemberg zusammengefunden haben. Wie viel mehr noch konnte das wirklich beeindruckenden Konzert selbst überzeugen.

Für den ersten Teil des Abends hatte man die langjährige Stadtmusikdirektorin von Geisingen, Ingrid Fromm, gewonnen. Auf den Augenschein hätte man der charmanten Frau ein so wuchtiges, recht massives Programm eher nicht zugeschrieben, aber Fromm, die mit der Gründung des Verbandsjugendorchesters Schwarzwald-Baar Keller verbunden war, konnte mit einem kraftvollen, energischen Dirigat voll und ganz überzeugen. Mit der vorgestellten Literatur konnte sie vor allem das Orchester ins beste Licht rücken.

Zum einen betonte nämlich Johan de Meijs Symphony Nr. 2 "The Big Apple" mit seiner robusten Beschreibung der – zu Zeiten der Komposition noch mit Zwillingstürmen versehenen – Skyline der Weltmetropole den fulminanten Klangkörper als ein sehr volles Ensemble, das die nötige Durchzugskraft aufbringt und mit großer technischer Brillianz in einem sauber aufgebauten Ton aufwartet. Hier konnte man ein Orchester hören, in dem jeder wusste, wo sein Platz ist und keiner mehr den Drang verspürt, sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Aus dieser inneren Harmonie und der Bereitschaft, ein Gemeinschaftswerk auch wirklich gemeinsam zu vollbringen, speist sich der extrem homogene Charakter der einzelnen Register, aber auch der Register untereinander auf der einen, die bis ins Detail ausgeführte Motivvielfalt und feine Dosierung der dynamischen und rhythmischen Grade, die man vor allem im zweiten Teil – jetzt unter der Leitung von Rüdiger Müller – beispielsweise in Gustav Holsts First Suite in Es-Dur op. 28 Nr. 1 präsentieren konnte, zum anderen. Feingliedrig, kraftstrotzend, weich, vital, alles in allem aber stets von gehöriger Eleganz, so könnte man das "Wind Ensemble" umschreiben.

Zu "Rhapsody in Blue", einem der bekanntesten Werke Georg Gershwins, mit dem der amerikanische Komponist die Stilrichtung des "sinfonischen Jazz" eröffnete, gesellte sich Wolfgang Roese zum "Wind Ensemble". Der aus dem Schwarzwald stammende 27-jährige Pianist, der nebenbei noch Tuba, Bariton, Violine und Kontrabass spielt, wurde insbesondere mit dem vom ihm gegründeten 200 Mann starken "ORSO – The Rock Symphony Orchestra" bekannt. Diesen Abend bereicherte er um eine aufgeweckte, sehr detailverliebte, eigensinnige Art der Interpretation, die die ganze emotionale Tiefe des Klassikers in einen klaren Focus setzte, ohne dabei zwanghaft an großen Vorbildern zu kletten.


Das "Wind Ensemble" wird weitermachen. Dabei soll der Projektcharakter aber durchaus erhalten bleiben, so das Organisatoren-Duo Dietz-Müller nach dem frenetisch bejubelten Premierenkonzert, weshalb man jeweils nur einmal pro Jahr zusammenkommen und gemeinsam musizieren und auftreten wolle. Auch wenn das begeisterte Publikum sich wahrscheinlich mehr wünschen würde, ist damit in jedem Jahr ein echtes Highlight sicher, auf das man sich sehr freuen kann.