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Erschienen
Der Letzte macht’s Licht aus!
02/2003
Wenn die sieben Zwerge über die sieben Berge nach Deutschland kämen, würden sie die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Anschließend kämen sie aus dem Lamentieren und Bekritteln gar nicht mehr raus. Das ist sicher.
Einen deftigen Vorgeschmack auf die Zeit nach der Zipfelmützen-Invasion hat am 07. Februar Mathias Richling in der Hockenheimer Stadthalle vor ausverkauftem Haus gegeben: Der quirlige Schwabe mit der hektischen Sprache kasperte wirklich ein wenig wie ein Zwerg über die Bühne, seine Vorstellung aber war ganz großartig. Das 25. Programm des studierten Historikers und Germanisten (Magisterarbeit über Karl Valentin) "Richling waaas?" brachte wahrlich die angekündigten "Irritationen": Kein Thema war dem Ausnahmetalent heilig, er diskutierte auf seine ganz eigene Art mit sich die Parteispendenaffären, die Irak-Frage, das Problem amoklaufender Schülergenerationen. Dabei bediente er sich als einer der wenigen Wackeren in einer Zeit der Comedysierung dessen, was ehemals Kabarett war, den guten alten Tugenden: Es gibt keine Regeln, es gibt keine Hemmungen und Schonung gibt es schon gar nicht. Dafür tut jeder seiner Sätze weh, weil jeder seiner Sätze trifft. Das ist eine Kunst, die Richling seit seinem ersten Soloprogramm 1974 immer wieder verfeinert und ausgebaut hat, und die er inzwischen bis zur absoluten Perfektion beherrscht. Dabei baut er seine Tiefschläge in ein hektisches Programm ein, das zunächst konfus wirken mag, das aber letztlich nichts anderes ist, als die Kulisse für seine vor sich hingeplauderten Botschaften. Diesmal beschäftigte er sich fast zwei Stunden ohne Pause damit, das würdige schwarz-rot-goldene Tuch zu lüften und das mit Kinderaccessoires vollgestopfte Bühnenbild aufzuräumen, um zum Schluss - angesichts des blanken Chaos, das sich unter dem deutschen Banner versteckt – doch wieder alles unter den bundesrepublikanischen Fahnenteppich zu kehren.

Seine Bilanz fiel wie immer vernichtend aus: Kanzler Schröder hat erfolgreich eine Million neue "Arbeitslosenplätze" geschaffen, an der Tankstelle wird mit der Zapfpistole der "bewaffnete Raubüberfall der Bundesregierung" geübt, die Rentenreform ist nicht mehr als der "grüne Punkt auf den Ruheständlern" ("Entweder, man versorgt sich selbst – oder man entsorgt sich selbst"), die NPD eine V-Mann-Panne Otto Schillys ("Vielleicht war Hitler ja auch nur ein V-Mann der Bundesregierung"), die Erziehung Schuld an allen Übeln und selbst Gott sei im Grunde ein ganz armer Teufel (Wenn man sich ansehe, was von religiöser Verblendung alles ausgelöst wird, "dann danke ich meinem Gott, dass ich Atheist bin!").

Kein Wunder, in einem Land, in dem Roland Koch und Christian Wulff bei "Deutschland wählt den Superstar" gewinnen – "gut, sie singen scheiße", aber "Koch ist der Toni Marschall der Politik": "Er gibt nicht nur in der CDU den Ausschlag, sondern auch im eigenen Gesicht!"

Köstlich wie immer die Rollen, in die Richling bei seiner Generalabrechnung schlüpfte: Der selbstgerechte Schwabe, die tränenerstickte Hessin, der roh angehauchte Vater, der über die Bluttaten seines Sohnes räsoniert. Immer wieder verfällt er dabei in seine Paraderolle, die ihm bereits vor langer Zeit einen gewissen Kult-Status eingebracht hat: Der rasant vor sich hinplappernde Schwabe, der sich in verbaler Ekstase auf dem Ohrensessel des SWR herumfläzt und die politische Großwetterlage auf den leicht verständlichen Punkt bringt.

Noch heute ist der Anschlag auf die politische Leitkultur eine seiner besten Übungen. Dabei ist die unerwartete Wendung sein Spezialgebiet. Gerhard Schröder zu wählen sei nichts anderes, als eine Großkotzigkeit der Deutschen gewesen. Das gesamten Ausland würde uns jetzt dafür bestaunen: "Dass die sich das leisten können?!" Den neuen Superminister Clement nimmt er als Beispiel für den Verschleiß in der Politik. Clement sei nach nur kurzer Regierungsbeteiligung schon ein gebrochener alter Mann: "Viele Politiker haben mit dreißig ja schon eine Rente wie ein 68-Jähriger!" Nur ein Richling kann das Nichtwählen als einen demokratischen Akt erklären: "Gehen sie nichtwählen, aber nur, wenn sie wissen, wen!" Und nur ein Richling findet auch noch in den Lebensmittelskandalen der letzten Jahre einen Vorteil: "Wenn sie heute noch Hunh und Eier essen, kotzen sie in den Garten, dann brauchen sie an der Stelle wenigstens kein Unkraut mehr jähten."

Besondere Schmankerl: Richlings Parodien von Bundespräsident Rau, SPD-Fraktionsfrontmann Franz Müntefering ("Wer von Euch noch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Schein!") und Rolli Koch. Bio verbriet in seiner Kochsendung den Dauerkandidaten Stoiber, Möllemann traf auf Michel Friedmann und Richling eröffnete eine ganz neue Sicht auf den Antisemitismus-Streit.


Nach dem kabarettistischen Dauerlauf hinterließ Richling ein begeistertes Haus, viele erfrischte Seelen, die sich entweder ab sofort mit neuer Energie in den Kampf mit unseren alltäglichen Widrigkeiten werfen können, oder die sich mit gutem Gewissen einfach auf das bevorstehende gnädige Ende verlassen("Die Bevölkerung in Deutschland nimmt rapide ab! – Zuerst hab ich gedacht, das tut den Fettsäcken ganz gut!"): "Der Letzte macht’s Licht aus in Deutschland."