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Erschienen
"Hurra" und "Schmutz" liegen eng beieinander: "Eure Mütter" im Pumpwerk
03/2003
"Wir machen uns zwei Stunden für Euch zum Affen, dafür müsst ihr in frenetischen Jubel ausbrechen" – die Absprache war klar, als am 08. Februar das Comedy-Trio "Eure Mütter" sein Programm "Schieb, Du Sau!" über die Bühnenbretter des Hockenheimer "Pumpwerk" nudelte. Die Absprache war klar, und alle hielten sich daran: Die "Mütter" machten sich zum Affen und das Publikum johlte.

Nun ist es ja in Zeiten, in denen "Mundstuhl" und Konsorten ganze Hallen füllen nichts neues, dass wackere Menschen ihr hart verdientes Geld für alberne Blödeleien verplempern, aber "Eure Mütter" hat im Hockenheimer Kulturzentrum ohne Zweifel einen neuen Rekord aufgestellt: "Trivial", "Nicht zu fassen, wir haben nichts in der Birne", "drei Pfeifen" – man könnte keine besseren Bewertungen für "Eure Mütter" finden, als die drei sich selbst etikettiert haben. Die Stuttgarter Gang, die sich gerne mit positiven Presse-Stimmen umgibt, präsentierte einen Abend voll Klamauk und pausenloser Kalauerei; keine Frage, auch darüber kann man lachen. Aber muss man auch?
Sicher, ein "Banküberfall" mit Pappkarten, aus denen unvermutet hirnrissige Dialoge werden, kann komisch sein. Auch den Urschrei des ostsibirischen Otzelotmännchens sollte sicher jeder einmal gehört haben. Und ein Witzewettbewerb mit dem Publikum ist eine wirklich nette Idee als Pausenfüller (auch hier lagen allerdings "Hurra" und "Schmutz" sehr eng beieinander). Aber abgedroschene Witze, die schon vor fünf Jahren kein Hinterhofkomödiant sich mehr zu bringen traute ("Kleinkinder haben viel gemeinsam mit Besoffenen...") – muss das sein? Wenn sich ein ganzes Programm auf dem Niveau eines durchschnittlichen Abiballs mit dussligen Kalauern über die Runden rettet, wenn die einzige Möglichkeit, die eigene musikalische Klasse mit einem Lied wie "Die Menschheit braucht mehr Titten" zu unterstreichen allein von dem drögen Versuch getoppt wird, mit einer Hiphop-Parodie ein wenig Slapstik einziehen zu lassen, dann ist das eher ein trauriges Spiel als gelungene Comedy. Humor ist eben nicht nur, wenn man trotzdem lacht.

Dabei brachten die "Mütter" Andreas "Andi" Kraus, Matthias "Matze" Weinmann und Donato "Don" Svezia durchaus gute Ansätze mit in die Rennstadt. Die drei sind nicht blöd, sie haben nur ganz offenbar das falsche Pferd gesattelt. Andi hat eine ganz bemerkenswerte Stimme, die durchaus mehr verdient hätte, als ein "Tief in meinem Innern bin ich ein perverses Schwein". Matze macht sich gut an der Gitarre, man muss dafür aber nicht eine längst abgedroschene Rolf-Zuckowski-Persiflage auch noch mit dem bis zum Erbrechen bekannten Text ("Ich hab leider keine Ahnung von dem Zeug, das ihr mich fragt") repetieren. Und Don fügt sich perfekt in die unterschiedlichsten Rollen – allein die, sich selbst zum Deppen zu machen, die steht ihm nun wirklich nicht.

So wurde das Programm durchzogen von wahren Glanzlichtern: Brillant der Anfängerkurs bei den "Zeugen Jehovas", wenn der etwas ungestüme Andi das Sekten-Pamphlet mit einem "Entweder Du Schwuchtel kaufst jetzt einen Wachturm, oder Du musst ihn fressen!" an den Mann zu bringen versucht. Genial die Neuauflage von "Im Wagen vor mir" von Henry Valentino und Uschi, nachdem die Jungs sich überlegt hatten, "dass sich ja kein Mensch freut, wenn im Wagen vor ihm ne Frau fährt": "50 statt 120 – dass das ne Frau sein muss, das war ja klar!"

Aber was bringen die Aufblitzer eines wahrhaftig comedy-würdigen Humors in der ansonsten erschreckend absoluten Dunkelheit. Da rettet auch kein hintersinniger Exkurs über die Frage, wie viel Sinn das immer wieder gern gehörte "Grüße ans Team" in Wolfgang Walkers Radiosendungen wohl machen mag, mehr über die tiefe Depression angesichts so viel ungeklärter Wahnwitzigkeit hinweg.


"Eure Mütter" bescherten einen Abend, der einmal mehr darüber nachdenken lässt, wie man die elf Euro Eintritt beim nächsten Mal sinnvoll anlegen könnte. 44 Stunden in die Stadthallen-Tiefgarage stellen? Dann hätte man Kultur wenigstens geschnuppert. Oder aber elf "Chicken-Onion-Sticks" bei Burger-King geordert – da hat man sogar noch Geld übrig und weiß wenigstens, wovon einem schlecht ist.