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Erschienen
Die anderen Saiten des Lebens - Internationale Gitarrennacht in Hockenheim
04/2003
"Wenn du Gitarre spielst, folgst du einem Pfad, der um die ganze Welt geht", so philosophierte einstens der Gitarrist mit Weltruhm, Tim Sparks. Über ihn später mehr, doch könnte wohl kaum ein Wort besser den besonderen Flair der letzten Internationalen Gitarrennacht wiederspiegeln: Am 21. März hauchte das von Claus Boesser-Ferrari organisierte Meistertreffen einem fast vollbesetzten Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" das Gefühl von Fernweh und großer weiter Welt ein.

Es ist erst ein Viertel Jahr her, dass die letzte Internationale Gitarrennacht zum vielgelobten und gefeierten Kulturereignis avancierte. Nun hatte Boesser-Ferrari neben sich selbst zwei neue Künstler dabei, doch hat er auf seine alte "Masche" zurückgegriffen, einen Weltstar, aber auch ein bislang zu wenig beachtetes Talent zu präsentieren.

Zu Claus Boesser-Ferrari noch Großes festzustellen, fällt schwer. Der Mann aus Laudenbach ist in unserer Region hinreichend bekannt für seine unkonventionelle, den hinlänglich rezitierten Raum des instrumentell "Normalen" verlassende Kompositions- und Interpretationsweise: Die Gitarre als Träger für Töne ganz unterschiedlichen Gewands, mal ein meditativ-transzendentes Flirren, ein sauberes, bodenständiges Klingen, aber auch ein hohl daherkommendes Klopfen. So entwirft der Musiker, den man mit Fug und Recht zu den Frontmännern der deutschen Akkustikgitarrenszene zählt, eindrückliche Bilder und bedeutungsschwangere Improvisationen, die durchaus auch die Geister scheiden – bei allem und durchgängigem Respekt vor der unglaublichen technischen Fertigkeit des Meisters ist es für den Einen eine hörgenüssliche Klimax, für den Anderen viel zu experimentelles Geklimpere.

Ebenfalls auf dem Pfad weg vom konventionellen Gitarrenklang ist der Dresdner Detlef Bunk – aber er beschreitet ganz andere Wege, sucht sich einen Pass mit naturbelassenem Ton, scheut allzu penetrante Effekte. Dafür tritt er mit einem stark phrasierten, extrem akzentuierten Sound vor sein Publikum, den er einmal fast genüsslich vor sich hinplätschern lassen kann, den er aber gerne auch durch wahrhaft exzentrische Ton- und Klopforgien unterbricht. So präsentierte der Dozent (Hochschule für Musik, Dresden) einem durchaus erstaunten und geneigten Publikum ein fast lyrisches Zwischenspiel mit seiner "Sehnsucht nach B.", das geradezu ein Ausrufezeichen über den zarten und unspektakuläre Grundstein seiner am Ende doch recht markanten Spielweise setzte, er kann aber auch mit leb- und sprunghaften Titeln wie "Song one" punkten, die die Strecke, die noch vor Bunk liegen wird, bereits skizzieren.

Ohne jeden Zweifel der Star des Abends: Tim Sparks. Der Akustikgitarrist und Fingerpicker mit Weltruf wurde in North Carolina geboren, seine heutige Heimat ist Minnesota. Aber eigentlich ist Sparks – zumindest musikalisch - das, was man mit fester Überzeugung einen "Weltbürger" nennen könnte. Er ist mit seiner Gitarre auf allen Kontinenten zuhause und betrachtet seine Ausflüge in anfangs fremde Gefilde nicht als Sightseeing, sondern integriert mit einer rasanten Geschwindigkeit fremde Elemente in die eigene Musik. Dabei findet allerdings keine Annektion statt, sondern ein sanftes Übersetzen durch die eigene musikalische Sprache – was immer bleibt, ist ein Akzent, aber als ein charmanter und vermittelnder Rest, der den Musiker sicher davor bewahrt, andere Stile einfach zu kopieren.

So öffnet sich der kleine Mann, der an seinem Instrument so groß wirkt, mit einer fast zu einfach wirkenden Geste die Herzen seiner Zuhörer und lässt diese aufsteigen auf einen besonders lebhaften, natürlichen und beseelt atmenden Sound. Die Tonsprache scheint nur auf den allerersten Blick einfach, ist sie doch bei näherer Betrachtung gespickt mit unglaublich schwierigen technischen Finessen; aber in diesem so klar daherkommenden Style kann Sparks seine Botschaften mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit vermitteln. Dabei führt seine stilistische Reise durch die osteuropäischen Regionen, aber auch nach Tennessee um in einem schmissigen Rag Country-Music zu demonstrieren. Sparks zeigt die anderen Saiten des Lebens, gewinnt sein Auditorium auch für abgefahrene Verrücktheiten: Mit "Eu So Quero Em Xodo" präsentierte er eine "Cowboysong aus Brasilien". Aber eben solche Verschränkungen offenbar unvereinbarer Kräfte sind seine Spezialität. So kann auch ein Titel entstehen, der County-Blues und türkische Dance-Music miteinander verbindet: "Cornbread and Baklava".


Einmal mehr kann man mit großer Freude auf den ganz außerordentlichen Ruf, den das Hockenheimer "Pumpwerk" genießt, verweisen – hier macht auch Weltmusik Station.



Nähere Infos zu den Künstlern unter

http://www.boesser-ferrari.de/
http://www.detlefbunk.de/
http://www.timsparks.com/

mhw