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Wolf Singer
Erschienen
Der Beobachter im Gehirn. Essays zur Hirnforschung
04/2003
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M.
300 Seiten / € 11.-
Wie funktioniert unser Gehirn? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Direktor am Max-Planck- Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main, Wolf Singer, in zwölf Essays.

Dabei gibt der Autor, der in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feierte, zuerst einen Überblick zur Entwicklung der Hirnforschung in den letzten Dekaden, zeigt auf, wie bedeutend die genetische Grundbedingung und die äußeren Umwelteinflüsse auf die Entwicklung des Gehirns sind. Der Neurologe entwickelt darüber hinaus aus den Erkenntnissen über die Architektur des Gehirns Gedankenmodelle für komplexe Stadtstrukturen.

Unser Gehirn besteht aus Nervenzellen. Die Gesamtzahl der Nervenzellen im Gehirn des Menschen wird auf 10 hoch 11 geschätzt, die der synaptischen Verbindungen auf 10 hoch 14. Die Bedeutsamkeit der gesellschaftlichen Umgebung bei der Gehirnentwicklung weist Singer unter anderem anhand des Unvermögens von Asiaten, die Phoneme "R" und "L" akkustisch voneinander zu unterscheiden, nach. Obwohl sie als Baby über diese Unterscheidungsmöglichkeit verfügen, kommt es durch das Aufwachsen im asiatischen Sprachraum, in dem es diese akkustische Unterscheidung nicht gibt, zur irreversiblen Prägung dieser veränderten Phonemwahrnehmung.

Singer kommt dabei zur Schlussfolgerung, dass Umwelteinflüsse jeden Menschen, selbst eineiige Zwillinge, unterschiedlich prägen und allein auf Grund dieser Tatsache kein Mensch dem anderen gleichen kann.

Ein interessanter Aspekt der Hirnforschung ist die Beschäftigung mit der Frage, wie Wissen in unser Gehirn hineinkommt. Der Frankfurter Wissenschaftler schildert in diesem Zusammenhang drei Mechanismen der Wissensübertragung: Die Evolution, die Wissen über die Gene speichert, das in der frühkindlichen Periode erworbene Erfahrungswissen und das "klassische" Lernen.

Eine weitere Frage, der der aus München stammende Ausnahmewissenschaftler nachgeht: Gibt es eine zentrale Leitstelle im Gehirn? Ein Zentrum des Gehirns, das hierarchisch Befehle weitergibt, ist nach Singers Auffassung nicht vorhanden und sei zumindest nachweisbar. Vielmehr sei das Gehirn in mehreren "Zentren" gegliedert, die unabhängig voneinander die gewaltige Datenflut verarbeiten und Informationen weiterleiten könnten.


Wolf Singer versucht, die Hirnforschung einer breiteren Leserschaft erklärbar zu machen. Dieses Bemühen ist lobenswert, auch wenn beim Lesen des Buches trotz hoher Konzentration Vieles für den Laien unverständlich bleiben muss. Einen Einblick und ein Gefühl für diese notwendige und hilfreiche Wissenschaft erhält der Leser dennoch. Wenn dies das Verdienst des Buches ist, ist sein Wert gesichert.

Zur Homepage von Wolf Singer geht es hier.

PK