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Erschienen
Solo für Fünf - "Blechharmoniker" in Hockenheim
04/2003
Es ist eine Binsenweisheit, dass in einer konsumorientierten Gesellschaft des Massenwahns ein Produkt kaum noch um seiner selbst Willen verkauft werden kann: Den Neuwagen – gleich welcher Marke - schlägt man nur noch los, wenn es mindestens eine Mitropa-Kaffeemaschine gratis dazu gibt, Obst und Gemüse erwirbt der aufgeklärte Discount-Jäger nur noch in Verbindung mit Payback-Punkten und alles was in unseren Tagen auf die Bühne kommt, muss mindestens das Etikett "Comedy" tragen, um absatzfähig zu sein. Ein gutes Beispiel für diese neue Art des Marketing haben Ende März die fünf "BlechHarmoniker" im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" abgeliefert.

Vor einem zugegebenermaßen etwas dünn besetzten Auditorium präsentierte das Kölner Ensemble eine Show, die sie selbst gerne "brillantes Musiktheater auf höchstem Niveau" nennen. Das Konzept: Fünf Musiker nehmen in einem inszenierten Konzert die eigene Zunft auf die Schippe. Nicht ganz neu, aber auch in der Vergangenheit bereits erfolgreich.

So sind es gleichsam Archetypen, die da in rund zwei Stunden so ziemlich jede Macke, die dem gemeinen Orchesterkünstler nachgesagt wird, repetieren: Am Dirigentenpult der wirr behaarte Sir Hubert Fuhrdrengler (Roland Pütz), der sich auch gerne als begnadeten Komponisten gefeiert sehen würde, aber mit seinem "Zyklus zwei bis vier...undzwanzig" letztlich Schiffbruch erleidet und zum einfachen Posaunisten degradiert wird. Der selbstverliebte 1. Trompeter Mathieu Adam (Stephan Dürschmid), der das Orchester als sein eigenes empfindet und bei der kleinsten Panne seine Nahrung auf Beruhigungsmittel umstellt. Der Orchester-Depp Herbert Klein (Martin Kaiser) mit Pudelmütze und Tuba, an dem die Welt unbemerkt vorbeizieht. Die Schnapsdrossel Alexandra von Breitenstein (Ruth Funke) am Horn, die immer eine ganze Batterie hochprozentiger Stresskiller bei sich trägt, ansonsten aber gerne auch mitten im Konzert zu einem entspannenden Rätselheft greift: Eine hoch aufgeschossene Blondine, die im extravaganten roten Samtkleid eine Mischung als Lilo Wanders und Helga Feddersen mimt. Und natürlich der korrekte 2. Trompeter Ernst Schultze (Roland Kämmelring), der mit Maßband und Akribie seinen Arbeitsplatz, zu dem er eigentlich von seiner Mutter gedrängt wurde, DIN-gerecht auf den richtigen Abstand zur Netzhaut bringt, der aber zu gerne mal aus seiner Rolle ausbrechen und es allen zeigen würde.

Mit einer etwas eigenwilligen Mischung aus äußerst gekonnter musikalischer Einlage – mit großer Freude denkt man dabei an die schrille "Pink-Panther"-Improvisation Kämmelrings – und altehrwürdigem Slapstik, der an "Klamottenkiste"-Zeiten erinnerte, manövrierten sich die Belchharmoniker auf den etwas festgelegten Gleisen ihrer Protagonisten durch den Abend und machten daraus eine Art "Solo für Fünf". Keine Frage, zu Lachen gabs genug. Dazwischen aber auch extrem ermüdende Längen, in denen die Witze doch etwas zu bemüht wirkten, in denen sich das Ensemble im übertriebenen Überzeichnen der menschelnden Schwächen selbst zur bloßen Karrikatur des ungeschickten Komödianten deklassierte.

Besonders bedauerlich ist dieser Umstand, wenn man bedenkt, dass eigentlich bemerkenswerte Musiker auf der Bühne saßen, die ein besonderes Verkaufsprogramm eigentlich gar nicht nötig haben sollten: Der Folkwang-Absolvent (Trompete und Instrumentalpädagogik in Essen) Dürschmid machte sich durch zahlreiche solistische Auftritte an verschiedenen Opernhäusern einen Namen, Kämmerling tourte als anerkannter Jazz-Trompeter bereits durch Australien, Indien, Polen, Südamerika und die USA, Funkt brillierte in der WDR-Bigband und vier Jahre als Hornistin im Musicaltheater Duisburg bei "Les Misérables", Musiktherapeut Kaiser sahnte bereits Nachwuchspreise ab und Pütz wirkte als selbständiger Musiker bei Funk- und Fernsehproduktionen in den unterschiedlichsten Ensembles mit und begleitete hier eine Vielzahl von prominenten Künstlern.

Dennoch haben sich die Fünf auf der Suche nach einer anderen Art von Erfolg an ein Konzept gewagt, das durchaus mit gewissem Charme daherkommt: Wenn zu Suppés "Leichten Kavallerie" die Instrumentalisten auf den Stühlen davonreiten, wenn der unter der harten Knute ehefraulicher Hausordnung stehende Trompeter schon beim letzten Stück – weiter spielend – zusammenpackt und sich mit Mantel und Hut busfertig macht, das ist urkomisch und äußerst treffend. Abendfüllend und komplett überzeugend ist es aber gerade in seinem etwas überzogenen Dauerbemühen der stets gleichen Klischees nicht: Zehnmal kann man über die gelinde gesagt schlecht präsentierten "Herzanfälle" selbst des skurrilsten Egozentrikers nicht lachen.


Einmal mehr unterstrichen die Blechharmoniker mit ihrem Übermaß die altbekannte Weisheit: Manchmal ist weniger eben doch mehr!



Nähere Infos zu den Künstlern unter http://www.blechharmoniker.de.