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Erschienen
Diesseits von Afrika - "Bucht(r)ipp" führt ganz in den Süden
04/2003
Es ist der südlichste Zipfel eines gigantischen Kontinents. Und für Zentraleuropäer ist es eine Art "Afrika an sich" – nur selten macht sich der durch die Welt jettende Touri klar, dass auch Tunesien zu Afrika gehört – so nah und doch so fern. Nun, Südafrika, in das der jüngste "Bucht(r)ipp" am letzten März-Freitag im Neulußheimer "Haus der Feuerwehr" führte, ist wirklich nicht gerade um die Ecke: Fast 9000 Kilometer trennen Berlin und die Hauptstadt Pretoria. Noch größer ist aber die innere Distanz, die in unseren Breiten gegen das Land am "Kap der Guten Hoffnung" vorherrscht; die wechselvolle Geschichte der Schwarzafrikaner, Buschmänner und Hottentotten, an der die Europäer nicht ganz unschuldig waren, weil sie daraus über weite Strecken eine Kolonial- und Apartheidsgeschichte gemacht haben, der Anblick von verelendeten Townships und verhungernden Kindern, blutige Aufstände und Unruhen – Südafrika gehört trotz der wachsenden Bedeutung des Tourismus nicht gerade zu den Ländern, in denen man sich gut aufgehoben glaubt. Dennoch ist Südafrika einer der am weitesten entwickelten Staaten auf dem Kontinent – nicht ganz unschuldig daran sind die reichen Gold- und Diamantenvorkommen.

Visuell wurde das Land in lang gepflegter Tradition von Josef Diller nähergebracht: Die so unterschiedliche Vegetation in verschiedenen Gebieten, das harte Aufeinanderprallen von traditioneller und moderner Zivilisation. Allerdings hat er sich dabei doch weitgehend auf die schönen und angenehmen Seiten konzentriert.

Anders sah das bei der literarischen Auswahl aus, die Rosa Grünstein und Gerhard Greiner getroffen hatten: Die Auseinandersetzung gerade mit den menschlichen Abgründen, die sich in Südafrika in überreichem Maße auftun, ist ein markantes Zeichen der Schriftsteller in diesem Land. Und man kann an den ausgewählten Werken auch die deutlichen Nachwirkungen langjähriger Diskriminierungspolitik sehen: Es ist bis heute nicht leicht, schwarze Autoren in deutscher Übersetzung zu finden, die auch noch verlegt werden – obwohl über 70% der Bevölkerung so genannte "Negriden" sind. So präsentierten Grünstein und Greiner mehr oder minder notgedrungen vier weiße Autoren.

Bryce Courtenays "Im Glanz der Sonne" (Goldmann-Verlag, München) ist ein episch angelegter Entwicklungsroman mit einer ganz bemerkenswerten Erzählkraft in klarem, präzisem Schreibstil, der aber dennoch großes Gefühl und eigene Bewegtheit zulässt. Der Außenseiter wider Willen Peekay, wird - als Engländer unter Buren – verspottet, gequält und gedemütigt. Bis er auf den Zugführer und Boxchampion Hoppie Groenewald trifft und lernt, was es heißt, dem Schicksal ein Bein zu stellen: "Ich lebte, und wo Leben war, da war auch Hoffnung".

Aufgenommen in Joachim Kaisers "Buch der 1000 Bücher" wurde der Roman "Burgers Tochter" von Nadine Gordimer (Fischer-Verlag, Frankfurt). Die 1991 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Autorin hat damit einerseits ein sehr poetisches Portrait einer jungen weißen Frau in Südafrika gezeichnet, andererseits aber auch eine kritische und äußerst politische Auseinandersetzung im Kampf gegen die Apartheid. Es geht in dem nach außen hin so ruhigen Buch um die Umkehr von Lebenserwartungen einer Frau, die letztlich aber doch wieder zurückfindet an die Stelle, wo ihr Platz ist. Ein faszinierendes Buch, das den Kampf Südafrikas um seine Freiheit auf eine erfrischend neue Art erzählt.

Sicherlich ein unabdingbares Werk für das Verständnis der afrikanischen Seele überhaupt ist Laurens van der Posts "Wenn Stern auf Stern aus der Milchstraße fällt" (Diogenes-Verlag, Zürich): Der unermüdliche Brückenbauer zwischen den Kulturen lässt Afrika mit dem Herzen spüren und in der Seele kennenlernen. Dabei beschreibt der feinfühlige Beobachter von Beziehungen und intime Kenner Afrikas das, was die Menschen geformt hat und bis heute unterschwellig immer noch schaltet und waltet - auch wenn moderne Afrikaner in den Großstädten von heute auf Touristen einen anderen Eindruck machen – in einer Art "Diesseits von Afrika".

Was an van der Posts Roman anziehend wirken könnte, stößt in Jean M. Coltzees "Schande" geradezu ab: Ein schmerzlicher Roman, der zwar vieles zu erkunden birgt, allerdings ist nur wenig davon erfreulich. Auch wenn es zu einfach wäre, seinen Titel aufzugreifen und "Schande" als eine komplizierte Aufarbeitung persönlicher und politischer Schande und Verantwortung zu betrachten, ist das Anliegen des Autors ohne Frage die Geschichte seines Landes, die Brutalitäten und der Verrat.
Coltzees Buch wurde ebenfalls in Kaisers "Bestenliste" aufgenommen.


Am Ende dieses ohne Frage thematisch etwas bedrückenden "Bucht(r)ipps" stand großer Dank: An Kulturamtsleiter Klaus Maier, an die Leser und vor allem auch an Hardthallen-Wirt Peter Kühne, der mit Afrikanischem Rotwein und recht pikanten Hühnerspießchen auch kulinarisch den Süden einziehen ließ.

Mit Südafrika ging die achte Bucht(r)ipp-Saison zu Ende. Nach der Sommerpause findet am 14. November der 25. literarisch-kulinarisch-visuelle Gruppenausflug statt: Dann etwas näher in den Ruhrpott.