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Erschienen
Alles Probleme wie du und ich - Rolf Miller in Hockenheim
05/2003
Er hat eine Art "studientechnische Tournee" hinter sich - angefangene und abgebrochene Studiengänge in Verwaltungsrecht (Kehl), Jura (Mannheim), Literatur, Philosophie (Stuttgart) und an der Filmakademie BW (Ludwigsburg), hat sich die Leiste, das Schlüsselbein und zweimal die Bänder gerissen – aus so einem Donald Duck des Alltagslebens kann doch eigentlich nichts gescheites werden. Dennoch hat er seit zwanzig Jahren alles abgeräumt, was es an Preisen seines Fachs gibt: Das Scharfrichterbeil, den Kleinkunstpreis Baden-Württemberg, die Hessischen, Norddeutschen und Saarländischen Kabarettpreise, den Preis der Neuen Westfälischen Zeitung, die Auszeichnung Stern der Münchner Abendzeitung und zuletzt den Münsterländer Kabarettpreis, er tingelt durch die bekanntesten Sendungen seines Genres (Quatsch-Comedy-Club, 7 Tage – 7 Köpfe, Ottis Schlachthof, Mitternachtsspitzen) – und hat sich jetzt auch dem harten Hockenheimer Publikum gestellt: Damit hat er Mitte April im gut gefüllten Kulturzentrum "Pumpwerk" ohne Frage gleichsam die Pforte zum künstlerischen Olymp durchschritten.

Seine Figur hat keinen Namen – und das ist auch gut so, denn er ist ein Jedermann – meist der, der auf der besten Party seit Jahren neben einem steht und den Abend zur Hölle macht: Mit drögem Gefasel über die Dinge des Lebens labert er zwei Stunden vor sich hin, ohne dabei auch nur eine wirkliche These zu bringen. Solche Menschen rauben im wahren Leben den letzten Nerv, auf der Bühne karikiert sorgen sie für eine Brandung aus Applaus und ausgelassenem Lachen. Wenn er in seinem allein schon komischen Dialekt aus dem hintersten Odenwald (Walldürn, wo Fasching und Wallfahrt im Wechsel an der Tagesordnung sind: "Ein Umzug ist immer") von seiner Angetrauten, "de ... Ding", erzählt, wird klar: Er ist nicht nur der Mann, der einem als Nachbar am Tresen völlig problemlos den Abend verdirbt, er ist auch der Traumtyp der Frauen an sich. Immerhin darf sie zum Abendkurs, "damit sie unter die Leut kommt!"

Wie sein Freund Jürgen. Der sucht ja schon lange eine Frau. "Seit seim Unfall. Und vorher auch schon. Wenn einer nicht so abstoßend ist... wie der Jürgen... da kann man sich als Frau doch auch mal erbarmen. Grad im Winter."

Das ist Millers Rezept: Lange Pausen, nicht beendete Halbsätze und schräge Vermischung stehender Ausdrücke - "Man muss ja heut überhaupt froh sein, wenn man klipp und klar sagen kann ’Aha’".

So kreist sein neuestes Programm – wie alle bisherigen Programme auch – um die Frage "Was ist denn heut, wenn einmal was ist?" So verhackstückt er seinen Schwager, der jetzt "ins Arbeitsamt hineinsitzen" darf und nicht mehr weiß, was er machen soll – "das ist doch auch keine Lösung!" Und vor allem dessen Frau: "Für einen Minirock hat die wirklich um die Schenkel rum zu dicke Füß". Sie ist ihm – natürlich – unsympathisch. Weil ihm alle Öko-, Ausländer-, Tierschutz- oder sonstige Aktivisten suspekt sind. "Wenns nach denen geht, musst du dir ja in jedes Bad den Silberfischchen ein Aquarium hinstellen!"

So gebirt Rolf Miller einen Archetyp, der eine völlig klare und einfache Sicht auf die Welt hat: "Eigentlich wär sie ja ganz in Ordnung, wenn sie annerscht wär. Und wenn die Katze ein Pferd wäre, könnte man die Bäume hinaufreiten!"

Einer, der zu allem eine Meinung findet ("Der Ami gibt ja Gas jetzt mit dem Krieg"), der über Randgruppen herziehen kann ("Die Studenten sind ja nicht nur fürs länger Studieren. Die sind ja für alles. Oder dagegen!"), sich zum Beziehungsberater eignet ("Wenn man zusammen bleiben will... eine Notlösung gibt’s immer") und in Ausländerfragen voll auf der Höhe der Zeit ist ("Der Ausländer ist ja ein Volk für sich").

Eins macht er, stellvertretend für seine ganz Rasse, unmissverständlich und unumwunden klar: "Wer den Himmel auf Erden sucht, der hat im Erdkundeunterricht nicht aufgepasst!"

Dden Grund für den Erfolg Rolf Millers zu finden, ist nicht ganz einfach. Eigentlich ist er der Albtraum des Durchschnittsbürgers, kultiviert den Muff einer vorurteilsschwangeren, kleinkarierten und spaßlosen Gesellschaft. Vielleicht kann man über ihn deshalb so herzhaft lachen, weil man die Hoffnung hat, im Zuschauerraum aus der Gefahrenzone zu sein. Es ist eine Art "Impfung", wenn man den Stumpfsinn, der ohnedies tagtäglich über uns hereinschwappt, in geordneten Portionen zu sich nehmen kann. Ebenso schwer ist es, das Genre wirklich festzulegen: Comedy ist es nicht. Am ehesten eine moderne Art Kabarett, wie sie Gerhard Polt oder Rüdiger Hoffman machen. Der Witz kommt nicht aus dem Gesagten, sondern aus dem, wie es gesagt wird. Und selbst, wenn er eigentlich kaum etwas sagt, so meint Rolf Miller doch sehr viel – also irgendwie eine Kunst für sich.

Was seine verquaste Sprache angeht, "70 Prozent der Jugendlichen haben Probleme mit ihrem defizitären Sprach... äh ...Ding." Also auch diesbezüglich: Alles paletti. Wir verstehen uns.


Tja, was macht Rolf Miller den ganzen Abend. Wie er selbst in seiner lang erbettelten Zugabe einräumte: "Da wird ihne net viel einfalle". Er verabreicht einen Abend "Alles Probleme wie Du und ich". Aber das hat Suchtpotential – und "die Dunkelziffer ist ja bekannt".

Eine charmante Sitznachbarin hat gesagt, "Also den find ich wirklich...". Und sie hat recht gehabt.