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Christoph Türcke
Erschienen
Erregte Gesellschaft. Philosophie der Sensation
05/2003
C.H. Beck Verlag, München
328 Seiten / € 29,90
"Esse est percipi" – Sein ist Wahrgenommenwerden. Aus der Quintessens dieses philosophischen Grundsatzes des anglikanischen Theologen George Berkely entwickelt der Leipziger Philosophieprofessor Christoph Türcke in Adaption des marxistischen Geschichtsverständnisses des "Klassenkampfes" eine Gesellschaftsgeschichte der Sensation: Den Kampf ums Dasein durch Ringen um Wahrnehmung.

Türcke liefert eine Definition von Sensation, welche die Bedeutungsverschiebung vom allgemeinen "Wahrnehmung" zum besonderen Spektakulären, Aufsehenerregenden nachvollzieht. Um diesen Wandel des Sensationsbegriffs zum Verhaltensmuster moderner Gesellschaften erklärbar zu machen, rekonstruiert der Autor präzise die begriffliche Bedeutungsgeschichte von "Sensation". Türcke geht dabei bis zur Urgeschichte der Menschen zurück und arbeitet die Rituale der Menschenopfer der Frühzeit als Ursprung des Tauschs und Handels aus. "Der traumatische Wiederholungszwang, aus dem die menschliche Opferpraxis hervorging, ist das Schreckliche wiederholen, um gerade so den Schrecken erträglich, bekannt, gar vertraut werden zu lassen, das war die physiologische Notwehr von Nervenbündeln, um den unerträglichen Energienüberschuss des Schocks abzubauen und Nervenbahnen für seinen Abfluss anzulegen" (S. 207).

Das Momentum des Schocks - vor allem des audiovisuellen -, sowie die Sucht in ihren verschieden Formen, abgeleitet und im Zusammenhang stehend mit "Sensation" sind zentrale Bezugspunkte in Türckes Gesellschaftstheorie, die äußerst düster daherkommt und zum Erschaudern geradezu einlädt.

Der bekennende Marxist Türcke, der in seinem Buch im Übrigen eine Renaissance der marxistischen Ideen prophezeit, liefert sehr anschaulich interessante Aspekte der Gesellschaftsgeschichte der letzten Jahrhunderte. Insbesondere die Rolle des Alkohols als "neuer Suchtform" im Zuge der aufkommenden Industrialisierung und die Herausarbeitung der Zusammenhänge zwischen Sucht und Sensation auf den gemeinsamen Ursprung der Entwurzelung des Menschen sind hervorragend geschildert.


Dem Philosophieprofessor ist ein Buch gelungen, das viele interessante Einzelaspekte bietet und das trotz der vielen Differenzierungen niemals den "roten Faden" verliert. Auch wenn man nicht unbedingt den immer wieder durchklingenden Pessimismus teilt: Türckes "Philosophie der Sensation" ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt und sicherlich eines der besten zeitgenössischen Bücher zur Gesellschaftstheorie der Moderne ist.

PK