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Erschienen
The Saints go marching on: "Big Chris Barber Band" in Hockenheim
06/2003
Man mag es ihnen ansehen haben, als sie am letzten Aprilsonntag in der Hockenheimer Stadthalle gastierten: Chris Barber und seine Band haben schon eine lange Zeit "on stage" auf dem Buckel. Immerhin hat die Truppe um den bekannten englischen Posaunisten Chris Barber seit der Professionalisierung 1954 mehr als 10.000 Konzert hinter sich gebracht und über 100 Tonträger produziert. Hören kann man das fünfzigste Bühnenjubiläum des heute 72-Jährigen keineswegs – noch immer präsentiert er zusammen mit seinen inzwischen zehn Mannen (2001 hat er seine alte Formation um drei Musiker aufgerüstet und so die "Big Chris Barber Band" ins Leben gerufen) einen spritzigen, an Lebendigkeit kaum zu übertreffenden Sound – von Rentnerband keine Spur. Denn nach wie vor kleidet man sich im altbekannten Gewand: Wenn man die Augen geschlossen hat, dann fühlte man sich zwar nicht gleich zurückversetzt in "gute alte Zeiten" (dafür boten die Sessel der Stadthalle doch zu viel Komfort), aber zumindest in einen Film über "Old Orleans" gebeamt – Barbers Musik atmet noch immer den Odem dieser musikalisch so interessanten Epoche.

Völlig natürlich, fast spielend fesselte die "Big Chris Barber Band" ihre Zuhörer schon mit der ersten Nummer, der "Bourbon Street Parade", in der alle Ensemblemitglieder einzeln vorgestellt wurden. Und das sind Musiker mit Leib und Seele: Trompeter Pat Halcox steht schon genauso lange wie Barber selbst auf der Bühne, hat die meiste Zeit an der Seite des Altmeisters verbracht und dabei einen exzellenten, dynamischen Klang und fingerfertige Interpretationsfreude entwickelt. Posaunist und Arrangeur Bob Hunt war der perfekte Mann für Barbers Seite – gemeinsam lieferten sich die Jazzlegende und der Ziehsohn wahre Musikduelle, geradlinig und dennoch facettenreich, sich selbst treu und dennoch mit einem auf Gemeinsamkeit angelegten Grundton. Der Saxophonist John Defferary, einer der Newcomer der Band, ergänzte die Highlights der siebenköpfigen Frontline mit einem eigenwilligen, sich aber perfekt ins Ganze einfügenden Klang. Dahinter gab John Slaughter an der Gitarre einen Hauch von Südstaaten-Blues mit dazu und als Bassist Vic Pitt und Drummer Colin Miller sich in einem Duo in ein heißes Gefecht verwickelten, tobte der Saal – wo sonst sieht man einen Drummer, der mit den Sticks auf den weiter bespielte Kontrabass einschlägt.

Nostalgie kam auf, keine Frage. Dazu waren die Evergreens von Duke Ellington und Glenn Miller oder Titel wie "Freeze and melt" und "Going home" auch wie geschaffen. Patina konnte aber an keinem der Titel festgestellt werden. Dazu war die Truppe doch auch nach so vielen Jahren noch viel zu sehr in Bewegung. Auch wenn diejenigen, die den Jazzmeister bei seinen beiden vorherigen Auftritten in Hockenheim gesehen haben, feststellen mussten, dass er von den Jahren etwas gebeugt war – der Mann ging auch diesmal wieder ab wie eine Rakete und wenn er erst einmal in Bewegung ist, dann wird auch dem kritischsten Zuhörer einmal mehr klar: "Here we are" gilt für Chris Barber und die Seinen nach wie vor.

So präsentierte der ganz Große unter den Jazzern ein mehr als zwei Zeitstunden dauerndes Programm mit angeregten, belebten, fesselnden Titeln bekannter Namen und aus eigener Produktion – in einem ganz unverkennbaren, eigenständigen und immer wieder spannenden Sound, mit rasanten, einfallsreichen Läufen, rhythmischen Gags und interpretatorischen Kniffen.


Und doch war es die Musik, wie man sie lieben gelernt hat – so viele Jahre lang; dennoch ist keiner der Fans je müde geworden davon. Musik, das hat man am Ende dieses Jazzabends einmal mehr bewiesen, hält eben doch jung.