2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Lothringer Spielmann als moderner Geschichtenerzähler
06/2003
Die "Elsässisch-lothringische Nacht" am ersten Wochenende im Mai im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" war ein gutes Beispiel für den regen Austausch, der über die "grüne Grenze" zwischen dem Elsass, Lothringen und Deutschland stattfindet: Neben der in der Region um Straßburg schon zur Legende gewordene Kabarettistin Huguette Dreikaus präsentierte sich der lothringer Liedermacher Marcel Adam zusammen mit dem Duo "Au bout du monde".

Der aus Großblieskastel nahe der Grenze zum Saarland stammende Künstler versteht es wie kaum ein zweiter, die Tradition des französischen Chanson zu verbinden mit der Art, wie deutsche Liedermacher arbeiten. Dabei entstehen Lieder mit einer sehr ergreifenden, von warmer Herzlichkeit und dennoch eulenspiegelhaftem Witz durchzogenen Spannung, denen sich kaum einer der Gäste entziehen konnte. Auch wenn man von der lothringer Mundart nicht alles verstanden haben mag, so wird dem Auditorium doch klar: Was der Mann da singt, das geht mich an, das will ich wissen, das will ich vor allem hören, auch wenn bisweilen unscheinbare Überschriften wie "In de Weschküch liet ä Katz" kaum vermuten ließen, dass Adam im besten Sinne des Wortes ein Volksdichter ist, der alte Geschichten in seinem Medium konserviert und weiterträgt. Wenn er dann mit "'S Onna uf de Bonk" leise Töne von einer Zeit anschlägt, als man noch nicht den ganzen Abend vor der Glotze saß und sich mit "Deutschland sucht den Superstar" das letzte bisschen Verstand versaut hat, dann ist das auch ein Stück Programm. So steht er in der sehr alten Tradition der fahrenden Spielleute, die einstmals die einzige Art der Nachrichtenübermittlung waren.

Und er ist damit ein Botschafter seiner Region, ein wahrer Grenzgänger, der uns ein Stück seiner Heimat mitbringt, um sie auch aus der Ferne zumindest in Ansätzen erfahrbar zu machen. Charmante Geschichten sind es, die sich damals die Menschen am einzigen Dorfbrunnen erzählt hätten. Von der Frau, die zum Psychotherapeuten geht, "sie holt sich Seelenelexier – gleich danach war sie bei mir". Von der Hure, die von einem Ausstieg träumt, doch "eines Tages war sie nicht mehr da, kein Mensch wusste, wo sie war – es war so, als hätt es sie nie gegeben". Dazwischen streute Adam seinen Kultsong "Hans im Schnoogeloch" und den "künftigen Welthit" "Le Blues".

Marcel Adam, das sind leise Töne, aber auch exstatischer Groove, nachdenkliche Anekdoten, die aber bei aller scheinbaren Belanglosigkeit hinterfragen, beleuchten, ankratzen.

Was seine musikalische Kraft angeht, da kann sich Marcel Adam auf seine beiden Musiker voll und ganz verlassen: Zusammen mit dem Akkordeon-Zauberer Vincent Carduccio und dem Gitarristen Laurent Kremer bildet er eine sehr symbiotische Einheit. Gemeinsam machen sie Musik, die geprägt ist von der Spielfreude des Tastentiers, vom Witz des Saitenmanns und natürlich von der charakteristischen Stimme des Barden. So singen sie sich durch einen Abend in der wichtigsten Sprache der Welt: "Das ist der lothringische Dialekt" ("Hochdeutsch ist nur ein Slang davon").

Nur in dieser Sprache kommt ein Lied wie "Isch wär so gern a Südamerikoner" so richtig gut. Dieses auf Kreta entstandene Lied ist vollgepackt mit Sehnsucht, hat einen Hauch Melancholie und dennoch eine aberwitzigen Fröhlichkeit – und steht damit als ein perfektes Beispiel für Adams Schaffen "Isch wär so gern ... a fröhlischer Mensch unter de prall Sunn. Aber isch bin nur ö amer Indioner – warum bin isch nur grad do uff die Welt kumm?"


Hockenheim weiß es einmal mehr: Marcel Adam steht exakt an der Stelle, an die er gehört – auf Bühnenbrettern mit einer Gitarre bewaffnet und zur Erbauung des Publikums. Nicht der "letzte Mohikaner", sondern ein kleiner Star.

Nach dem Konzert, nach frenetischem Applaus und Zugaben, zückten die meisten Pumpwerk-Besucher gleich den Terminkalender: Man muss früh dran sein, wenn man für das nächste Konzert gerüstet sein will – es ist immerhin schon am ersten Maiwochenende im nächsten Jahr. Nähere Informationen zu Marcel Adam unter http://www.marcel-adam.de.