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Erschienen
Alemannisch mit aller Wortgewalt des Elsass im "Pumpwerk"
06/2003
Elsass-Lothringen, das ehemalige "„deutsche Reichsland", wird vielfach als "Nahtstelle Europas" bezeichnet, vor allem das Elsass nimmt schon von Alters her eine Mittelstellung zwischen dem romanischen und dem germanischen Kulturkreis ein. Den Deutschen scheinen die Menschen zwischen Metz und Straßburg nach wie vor die liebsten Franzosen zu sein; zumal sich dort die einzige Gegend in Frankreich findet, in der Zweisprachigkeit tatsächlich praktiziert wird. Ein gutes Beispiel für den regen Austausch, der über dieses Nadelöhr zwischen dem längst zum guten Freund gewordenen "Erbfeind" und den ehemaligen "Besatzern" stattfindet, war am ersten Mai-Samstag abends im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" zu finden: Bei der "Elsässisch-lothringischen Nacht" präsentierte sich die in der Region um Straßburg schon zur Legende gewordene Kabarettistin Huguette Dreikaus und der lothringer Liedermacher Marcel Adam (eigener Bericht)setzten mit ihrem Auftritt ohne Zweifel den Höhepunkt in der "Woche der Städtepartnerschaft", mit der die Rennstadt traditionell die Verbindung zu Commercy revitalisiert.

Die bodenständige Huguette Dreikaus ist eine besondere Vertreterin ihres Volkes – sie vereint gleichsam den Schnitt in sich und könnte glatt als "Botschafterin des Elsass" durchgehen, so sehr hat sie ihre Heimat verinnerlicht und so gut versteht sie, dieser Liebe, die auch all die Schwächen und Macken einschließt, Ausdruck zu verleihen. Die Buchautorin, die eigentlich auch noch Gymnasiallehrerin für Deutsch ist, steht mit ihrer ganzen Person für ihre Region und versteht es meisterlich, auch alle Zuschauer davon zu überzeugen, dass man eigentlich Elsässer sein müsste, um glücklich zu sein. Nicht ganz einfach in einer Gegend, wo jeder behauptet "Ich bin nicht von hier!" Das mag nicht nur am aufblühenden Tourismus liegen, sondern an einer Art Völkerwanderung: Die Basler sind in Straßburg, die Straßburger in Basel, "jetzt muss man nach Basel fahren, um zu erfahren, wo in Straßburg ein Brillengeschäft ist".

Mit einem augenzwinkernden Humor nimmt sie Land und Leute unter die Lupe, mal etwas derber ("„Ein ganz kleines bisschen"), mal besonders liebevoll zeichnet sie so die Charakterstudie eines Völkchens, das den Deutschen immer sehr verbunden war. Und mit dem die Deutschen auch schon manches erlebt haben: Wir haben mit den Deutschen alles geschmuggelt, so Dreikaus, "Milliarden Zigaretten, aber deutschen Wein nie. Der hat sie immer schon vor der Grenze verlassen". In alltäglichen Geschichten lernte das begeisterte Publikum den Elsässer als solchen kennen und stellte trotz all der Lachorgien noch fest: "Irgendwie sind wir doch alle ein bisschen so". Kein Wunder, haben die Franzosen doch zumindest was die Bauwut angeht, von den Schwaben gelernt und avancieren so zu den "Pharaonen des Nordens": "Ein Elsässer, der keine Backsteinspur hinterlässt, hat sein Leben verwirkt". Unter anderem baut der Franzose (wie der Hockenheimer) gerne Verkehrskreisel. Die Bürgermeister, weil sie dafür eine Prämie bekommen und die normalsterbliche Bevölkerung, weil sie damit einen Ort des Nachdenkens schaffen: Man kann drehen, bis man die Antwort auf eine Frage weiß – "Sehr schön für Leute, die keinen Kopf haben". So sinniert Huguette mit ihren aus dem Alltag gegriffenen Geschichten über das Alter ("Wenn die Kerzen teurer sind, als der Kuchen, soll mans feiern lassen"), die verhassten Klassentreffen ("Da muss man einen ganzen Abend mit einem Saal Grasdackel verbringen, nur weil sie im gleichen Jahr geboren sind") und über die Einflüsse der kulturellen Vielfalt auf die Geburtenrate ("Hiphop, Hardrock, Techno ist Tschernobyl in der Gebärmutter und Kosovo im Sack"). Schließlich demonstriert Dreikaus die sprachliche Finesse des alemannischen Dialekts mit seiner ganzen Wortgewalt in einem sehr plastischen Sinne: Einem italienischen Gondoliere gab sie für jeden Ausdruck, den wir für das "Schlagen" kennen, einen Hieb – und hat ihn stundenlang verprügelt.


Der Saal tobte, die Begeisterung schwappte noch weit in die Pause hinein, lange nachdem sich die robuste Huguette dreisprachig beim Publikum verabschiedet hat: Mit einer tiefen Verbeugung auf französisch, mit einem zackigen Gruß auf Deutsch - und mit einem höflich-schrillen Knicks auf elsässisch.