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Jörg Friedrich
Erschienen
Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 – 1945
06/2003
592 Seiten / € 25.-
Selten hat in den letzten Jahren ein deutschsprachiges Buch, ein Sachbuch zumal, international (insbesondere in England) soviel Aufmerksamkeit erhalten wie Jörg Friedrichs "Brand". Was ist das Besondere an dem 600-Seiten-Werk?

Der renommierte Historiker schreibt über ein Thema, das in der Zeitgeschichtsforschung bislang nur wenig behandelt wurde, aber dennoch Generationen mitgeprägt hat. Die Bombenangriffe auf Deutschland. Das Ungewöhnliche an diesem Buch ist vor allem auch seine Gliederung. Die Ereignisse werden nicht wie bei einem Sachbuch mit geschichtlichem Inhalt zu erwarten gewesen wäre in chronologischer Reihenfolge abgearbeitet - auf eine umfangreiche Einleitung verzichtet Friedrich ganz und führt den Leser mit der Beschreibung des Luftangriffes auf Wuppertal gleichsam "medias in res" in die Materie ein.

Der Autor gibt Zeitzeugenaussagen wieder und beschreibt die Vorgänge des Bombardements so anschaulich, dass dem unbedarften Leser das "Grauen" berührt. Danach lenkt Friedrich sein Publikum auf die technische Seite des Luftkrieges. Die Waffen, Strategien und Geschichte des Bombenkrieges seit seiner Entstehung im Ersten Weltkrieg. Dabei fällt auf: Friedrich beschreibt den britischen Staatsmann des vergangenen Jahrhunderts, Winston Churchill, indirekt als einen Menschen, der skrupellos, teilweise gar menschenverachtend seine Ziele verfolgte. Der breiteren Öffentlichkeit dürfte unbekannt gewesen sein, dass Churchill bereits 1918 einen Tausendbomber-Angriff auf Berlin für 1919 plante. Das Ende des Weltkrieges Nr. 1 vereitelte die Durchführung dieses Planes. Auch die Enthüllung des britischen Vorhabens, Giftgas im Bombenkrieg einzusetzen und die Erwähnung der Enttäuschung im "Empire", dass die eingesetzten Mittel beim Einsatz auf einige Städten nicht 100.000 tötete, sondern "nur" 10.000 Menschenleben kostete, dürften für die Kontroverse, die das Buch in den britischen Medien auslöste, nicht unerheblich bedeutsam gewesen sein.

Die Schilderung der Angriffe auf die Städte erfolgt nach geografischer Einteilung. Nord, West, Süd und Ost. Besonders faszinierend dabei ist, wie Friedrich den Leser in die Geschichte der Städte hineinführt und sein Buch dabei architektur- und kunstgeschichtliche Züge aufnimmt.

Der Abschluss des Werkes thematisiert die Stimmung der Bevölkerung auf einer allgemeineren Ebene und zeigt auf, wie eng dabei NS-Staat und Bürger zusammenrückten (Stichwort "Zweite Machtergreifung"). Friedrich schildert aber auch Einzelschicksale, wenn Menschen auf Grund kleiner Delikte - wie dem Diebstahl einer Wurst aus einem ausgebombten Haus - zum Tode verurteilt wurden.

Die Zerstörung und Rettung von beweglichen Kulturgütern wie Büchern und Kunstgegenständen unterstreichen Friedrichs Mahnung, dass es beim Bombenkrieg auch um die Zerstörung von gesellschaftlicher und kultureller Identität ging.


Jörg Friedrichs "Brand" ist ein Meisterwerk. Es ist eine Symbiose vom sachlich-nüchternen und langatmigen Sachbuch mit einer narrativen Schilderung von Zerstörung, Leid und Tod, welche in dieser enormen Dichte einmalig ist. Sein Buch bewegt und ist gleichzeitig von höchstem wissenschaftlichem Wert.

PK (M.A.)