2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Vereinigung virtuosen Musizierens in Neulußheim
06/2003
Ein wirklich sehr bemerkenswertes Konzert hat Mitte Mai die Neulußheimer Evangelische Kirche erlebt: Das Ensemble "Clarinettissimo" um den in Altlußheim geborenen, inzwischen zum "Ur-Neulußheimer" avancierten Uwe Lörch präsentierte "Virtuose Klarinettenmusik aus drei Jahrhunderten". Zusammen mit seinem Instrumentalpartner Zeno Peters und der Pianistin Yuko Masuda-Dreher konnte Lörch eine ganz beachtliche Anzahl Besucher in den Sakralbau locken, der sich vom Ambiente her ganz ausgezeichnet für eine solche Art Konzert eignet. Allein der für die Größe der Gemeinde hohe Publikumsandrang konnte schon verwundern. Mehr noch aber die Begeisterung, mit dem das Auditorium auf das Programm reagierte: In frenetischem Zwischenapplaus, einem lang anhaltenden Beifall zur Pause und einem donnernden Schlussapplaus mit stehenden Ovationen brach sich die angestaute Bewunderung für das meisterhafte Können der Musiker Bahn.

Erstaunlich allein deshalb, weil die Klarinette nicht eben zu den beliebtesten Soloinstrumenten zählt. Selbst im Orchester wird das erst im späten 17. Jahrhundert – übrigens in Deutschland – entwickelte Instrument eher stiefmütterlich behandelt; obwohl sie nach wie vor zu den beliebtesten Musikinstrumenten überhaupt gehört, hat die Klarinette allein auf Grund der Tatsache, dass mit ihr als "Melodie-Instrument" immer nur ein Ton gleichzeitig gespielt werden kann, nur wenig Beachtung als Soloinstrument erfahren. Allein im Jazz waren große Namen und bekannte Werke mit ihr verbunden.

"Clarinettissimo" versteht sich selbst als Vereinigung virtuosen Musizierens auf höchstem Niveau. Diesem hohen Anspruch konnten die drei Musiker mit ihrem Auftritt in Neulußheim durchaus gerecht werden. Dabei hatten sie die Rollen klar verteilt: Der aus dem schwäbischen Gengenbach stammende Zeno Peters demonstrierte sein Instrument vor allem in seinem großen Tonumfang, der extremen dynamischen Spannweite und der Leichtfüßigkeit, mit der selbst weite Sprünge zu schaffen sind. Das aus der Mitte des 19. Jahrhunder stammende Divertimento "Il Convegno" des italienischen Opernkomponisten Amilcare Ponchielli bot Peters eine ganz besonders treffliche Bühne, um seine verschmitzte Interpretationsweise in vollem Umfange anzubringen – selbst der sonst meist ernst und gemessen dreinschauenden Masuda-Dreher huschte angesichts seines Enthusiasmus das ein oder andere Lächeln über das Gesicht.

Überhaupt präsentierte man Werke, denen ein gewisser Spielwitz innewohnt: Katz und Maus auf Klappen, Löchern und Tasten, das war das Programm des Abends. Ein Paradebeispiel dafür das 1815 erschienene Konzert in Es-Dur op. 91 des aus Südwestmähren stammenden Komponisten Frantisek Vincenc Kramár, besser bekannt unter seinem "deutschen" Namen Franz Vinzenz Krommer. In die breite Klavierpassage des Eingangs treten die Klarinetten zunächst nur gleichsam als Gäste ein. Wenn, dann aber äußerst bestimmt und gewaltig. Schon hier fallen die ganz brillanten Techniker auf, denen ein sehr lebendiger, auf alle Ausdrücke abgestimmter Ton vom kraftvollen fortissimo bis zum fast zerbrechlich wirkenden piano zu eigen ist. Die fein dosierten dynamischen Kunstgriffe und die Leichtigkeit, mit denen der Fluss der Töne gelenkt werden kann, das sind die besonderen Markenzeichen Lörchs und Peters.

Uwe Lörch, der bereits mit 13 Jahren die Klarinette als "sein" Instrument entdeckte und heute hoher Klarinettist und stellvertretender Soloklarinettist des WDR-Sinfonieorchesters Köln ist, findet seine Heimat mehr im emotionalen Ausdruck. Bei ihm wirkt die in tiefen Lagen hohl und näselnd, in hohen Lagen aber schrill und beängstigend klingende Klarinette umfassend gezähmt: Da ist einer, der sein Instrument im eigentlichen Sinne des Wortes "beherrscht": Zungenstoß, Phrasierung, Tremolo, Sprünge – perfekte Technik und ein einfallsreicher, wenn auch deutlich konservativerer interpretativer Geist in einem Leib vereint. In Felix Mendelssohn-Bartholdys Konzertstücken Nr. 1 und Nr. 2 (op. 113 und 114) beeindruckte er darüber hinaus mit dem Bassetthorn, einer Alt-Klarinette, deren Tonumfang ganz gewaltig nach unten erweitert wurde. Das verstärkt den warmen und vollen Ton in der tiefen Lage.

Am Klavier begleitet wurden die beiden Solisten von der in Tokio und Mannheim ausgebildeten Pianistin Yoku Masuda-Dreher. Während sie mit der Translation von Kromers Orchester-Partitur auf die 88 Tasten des Flügels doch ihre rechten Schwierigkeiten hatte, brillierte sie ansonsten durch eine relativ zurückhaltende Begleitung, die aber ihren eigenen Charakter und den besonderen Charme der zierlichen Instrumentalistin unterstrich.

"Spiegel der Zeit" in aller Gelassenheit

Respekt vor hoher Kunst ist nicht jedem Menschen in die Wiege gelegt – ein ganz besonders anschauliches Beispiel für diese immer wieder festzustellende Tatsache konnte manbei diesem Konzert ebenfalls erleben.

Nun kann man sich ja über den besonderen ästhetischen Reiz der "Wasserlandschaft", der dort von der morgendlichen Konfirmationsfeier in blauer Plastikfolie stilisiert zurückgeblieben war, trefflich streiten. Die enorme Geräuschkulisse beim Begehen der imaginären Fluten sollte aber bei allem Für und Wider ungehemmt konstatiert werden dürfen. Das scherte den Hobby-Kameramann vom Heimatfilm "Neulußheim im Spiegel der Zeit" nur wenig: Eisern schleppte dieser Stativ und Zelluloid-Auge über die Ströme und trug so auf eine unangenehme Art und Weise zur Geräuschkulisse des Konzerts bei.

Die Dokumentation historischer Ereignisse – und dazu zählte dieses Konzert ohne Zweifel – nimmt einen wichtigen Stellenwert in einer Gesellschaft ein, die über den eigenen rasanten Fortschritt etwas außer Atem geraten ist. Wenn durch den "Bann für die Zukunft" aber der Zauber des gegenwärtigen Augenblicks verloren geht, dann ist ein sehr ernsthaftes Abwägen zwischen den Interessen von Nöten – dieser Grundsatz wurde in diesem Fall sträflich vernachlässigt und so der hohen Kunst der nötige Respekt verweigert.

Die Freude darüber, dass kein Handy geklingelt hat, wurde diesmal vom "Zeitzeugen" zerstört. Das muss anders werden. Der Rest ist Geschichte.


Alles in allem unterstrich dieses herausragende Konzert die ernsthafte Art, mit der man sich in Neulußheim der Kulturarbeit verschrieben hat –dort soll es nicht Mainstream sein, sondern Qualität. Und die war an diesem Abend in überreichem Maß beheimatet.