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Erschienen
"Kinder von Girouan" bringen den Frieden für die Welt nach Hockenheim
06/2003
"Regierende aller Länder, Völker der Erde, lasst ab von euren kriegerischen Machenschaften. Damit ihr euch ändert, werde ich euch einen Beweis meiner Macht geben" – mit einem divinistisch-inhaltsschwangeren Prolog beginnt der Traum von einer besseren Welt, die ein großes Ensemble des Hockenheimer Carl-Friedrich-Gauß-Gymnsiums in drei Aufführungen erschafft. Die Premiere Ende Mai in der Hockenheimer Stadthalle war ein großartiger Beweis nicht nur für die Tatsache, dass die Welt durch kleine Veränderungen zu einem wahren Paradies werden könnte, sondern auch für die bemerkenswerte künstlerische Klasse, die am Hockenheimer Bildungstempel bereits seit vielen Jahren Tradition hat.

Die Geschichte des 1982 durch den Musikpädagogen Hans-Georg Wolos geschaffenen farbenprächtigen Musicals in fünf Bildern haben die jungen Künstler – auf der Bühne waren ausschließlich Schüler des Gymnasiums aus allen Klassenstufen im Einsatz, die nur im Orchestergraben auf "fremde Hilfe" zurückgreifen mussten – eng mit sich selbst verbunden und so dem Plot einen eigenen, sehr persönlichen Stempel aufgedrückt.

Das kleine Bergdorf Girouan verkommt langsam zu einem dreckigen Hort des Streits und der Missgunst – "Keiner will was tun, alle quatschen immer nur". Es mag nach außen lustig aussehen, wenn die Tratschweiber über Tratschweiber tratschen und der Wirt die Weinreste vom Vorabend morgens wieder in die Flasche zurückschüttet – aber so ist die kleine Gemeinde verlottert. Tja, "wenn wir was zu sagen hätten", denken sich die Kinder im lebhaften Titelsong. Ein Wunsch, der in Erfüllung geht: Ein Zauberer schickt einen blauen Strahl, der alle Erwachsenen in einen tiefen Schlaf fallen lässt.
Kinder an die Macht im realen Leben bedeutet viel Arbeit: Fürs täglich Brot sorgen, die Erwachsenen ins Bett verfrachten, die Babys pflegen, Nachtwachen organisieren – kein Problem für die Kinder, die ihrem Anführer Marcel in einem rührenden Song versprochen hatten "Wir wollen alle mit dir fest zusammenhalten in der Not, Angst und Gefahr, und unser Leben selbst ein wenig mitgestalten". Eine alte Dorffotografie zeigt den Kindern: "Unser Dorf hat sich total verändert, aus dem Licht ist Dunkelheit geworden". Aber statt aufzugeben, beschließen die Kinder, lieber anzupacken: "So schön muss es wieder bei uns werden". Bevor die große Rückverwandlung stattfindet, vernichtet man aber noch den Grund alles Übels: Die Schnapsvorräte werden in den Bach geschüttet – "Alkohol, dass dich doch der Teufel hol!". Auch von dem betrunkenen Hühnerhaufen, den die Kinder damit produzieren, lassen sie sich nicht aufhalten und nach Fensterputzen, Straßenfegen und Zäuneflicken hat man allen Grund zum feiern: Und "das ist ein Fest"!

Trotzdem zieht über der neuen Friedlichkeit ein Gewitter auf: Die Kesselflickerkinder, die schon allzu viel der erwachsenen Untugenden übernommen haben, schleichen sich ins Dorf und sorgen für Unfrieden. Aber "so übel seid ihr gar nicht", deshalb unterstützt man die heruntergekommenen Gestalten so weit als möglich und diese sehen ein, "auf diese Tour geht es nicht weiter". Langsam wachen auch die Erwachsenen wieder auf und stellen fest: "Aus der Dunkelheit ist Licht geworden", das Alte ist vergangen, alles ist ganz neu! Auch wenn der Ausgang der zauberhaften Lehrstunde offen bleibt, keiner weiß, ob die Erwachsenen ihre Lektion gelernt haben, steht ein versöhnlicher, hoffnungsvoller Schlussatz: "Frieden auf dieser Welt".

Fast beißende Brisanz erhält das Stück durch seinen besonderen realen Bezug: "Hirnverbrannte Ideen von hirnverbrannten Politikern" haben die Welt von Girouan ins Chaos gestürzt – stillschweigend werden hier die Saddams und die Bushs, die Schröders, Merkels, Westerwelles unserer eigenen Welt mit vor die Schranken kindlicher Gerichte geschleift: "Nur Verzicht auf Macht kann eine Lösung sein, die den Frieden und die Welt erhält."

Magie der Inszenierung und der Intonation

Die besondere Magie bezieht die Hockenheimer Inszenierung der "Kinder von Girouan" auch aus den vielen liebevollen Details, die man in das zunächst recht unspektakuläre Bühnenbild einbezieht: Ein Wahlplakat zeigt Direktor Walter Weidner, der Dorfbrunnen – ein Relikt aus der letzten Aufführung des Musicals vor gerade zehn Jahren – plätschert munter vor sich hin. Vor allem aber verzaubert das fast unglaubliche Engagement aller Beteiligten. Zumal man mit einem beachtlichen Stimmmaterial antreten konnte: Die Chöre fast durchgehend sauber und sehr detailverliebt intoniert, im über dreißigköpfigen Cast kein einziger Statist. Einen ganz besonderen Charme hatten die Solisten, allen voran die beiden Hauptdarsteller Christine Hartmann (Brigitte) und Nicholas Templin (Marcel). Gerade der Elftklässler überzeugte durch eine sehr bedachte, liebenswerte Interpretation seiner Rolle, die alle Nachdenklichkeit und Gutmütigkeit des Chaos-Managers nach außen kehrte und ihn, dem aller kindlicher Witz abgeht, doch zu einer ausgesprochen menschlichen Figur machte.

Auch der "Schularbeitensong" gewann durch seine Solisten einen rührenden Reiz: Vera Götzmann, Kai Nottbohm und Vivian Ly als Kinder und Ulrike Hörnig, Pascal Lehmayer und Tina Haas als "Erwachsene" machten aus der lustigen Episode eine durchaus inhaltsschwere Szene. Vor allem Letztgenannte konnte mit lieblich-reiner Stimme unter Beweis stellen, welche Kleinode am Hockenheimer Bildungstempel schlummern. Gleiches gilt für die Schlafwandler-Szene, in der Ute Wetterauer (Fräulein Sirvente) und Johannes Merz (Postbote) in den Vordergrund traten – sauber gesungen und vor allem sehr überzeugend gespielt. Denn gerade dem schauspielerischen Können, das sich im Musical mit gesanglicher Klasse verbinden muss, kommt eine große Bedeutung zu. Hier fielen insbesondere der "Chef" der Kesselflickerkinder, Simon Gans, die "Tratschweiber", Sarah Askani, Miriam Bühler, Caroline Hoffmann, Anne Rosenberg, Katharina Rupp und Julia Ziegler und natürlich das "kleine Mädchen" Natalie Eichhorn auf – zum Knutschen.

Hinter einem solchen Unternehmen steht eine gigantische Maschinerie – ein enormer Aufwand, der bisweilen hart an der Grenze wandelt zwischen pädagogischem Auftrag, der der Schule zukommt und professionellem Theater, das die Aufgaben und auch die Kapazitäten einer Bildungseinrichtung doch übersteigt. Federführend wie vor zehn Jahren: Als musikalischer Leiter Rainer Ruhland und in Inszenierung und Regie das bewährte Duo Dietrich Brinkmann und Karl-Ludwig Matz. Die drei Oberstudienräte haben den schwierigen Weg der langen Vorbereitungen ebenso gemeistert, wie die sicherlich nicht leichte Aufgabe, die jungen Darsteller während der Aufführungen bei Laune zu halten. Engagement von Lehrkräften scheint – allen Unkenrufen der Gewerkschaften zum Trotz – auch unter den erschwerten Bedingungen des heutigen Schulalltags noch zu funktionieren. Selbstverständlich aber ist er bei weitem nicht. Entsprechend zeigte sich der Schulleiter OStD. Dr. Walter Weidner am Rande der Aufführung stolz und dankbar, solch motivierte Lehrer in seinem Haus zu haben.

Einziger kleiner Wermutstropfen: Die Licht- und Tontechnik ließ bisweilen etwas zu wünschen übrig, wenn Darsteller passagenweise im Dunklen standen oder kaum zu hören waren. Hier dürfte aber vor allem die Koordination mit der Stadthalle, die – leider ebenfalls schon traditionell – schwierig ist, ausschlaggebend gewesen sein.

Dennoch: Alles in allem ist dem CFG wieder ein gewaltiger Wurf gelungen, der von höchster musikalischer Qualität, bemerkenswertem schauspielerischem Talent und einer ganz exzellenten Organisation zeugt. Und der die Zuschauer allesamt aufgerüttelt hat – auch das sollte gleichsam als "Ziel" eines Musicals bedacht werden.


Heute wissen alle: "Morgen wird die Drohung eines Zauberers in Erfüllung gehen. Er wird einen Strahl senden, der alle Erwachsenen einschlafen lässt. Als Warnung für alle, dass sie sich endlich auf den Frieden besinnen..."

Die Site des Gauß-Gymnasiums zum Projekt "Girouan" findet Ihr unter http://www.cfg-hockenheim.de/projekte/girouan.

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Die Bildergalerie: