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Erschienen
Kultur blüht in der "Nacht der Lieder" im Pumpwerk
06/2003
Die "Nacht der Lieder", die Ende Mai im Hockenheimer "Pumpwerk" stattfand, avancierte diesmal zu einer "Nacht der Jubiläen" – das fünfte nächtliche Freundschaftstreffen zwischen Deutschland und Frankreich, das 35-jährige LP-Jubiläum der Mannheimer Chanson-Queen Joana und für manch einen Titel sicherlich schon der zigte Aufführungstermin.

Diesmal hatte die Trägerin des begehrten Bloomaul-Ordens alte Bekannte eingeladen: An ihrer Seite und solistisch zu hören der ebenfalls aus Mannheim stammende Gitarren-Virtuose Adax Dörsam, von der instrumentalfreien Front der im Karlsruher "Dörfle" aufgewachsene Mundartdichter Harald Hurst und der schon lange sehnsuchtsvoll zurückerwartete Straßburger Liedermacher Rene Egles. Kein Wunder also, dass der Hockenheimer Kulturtempel aus allen Nähten platzte – bei der schwül-warmen Witterung durchaus nicht nur eine Freude und einmal mehr Anlass, über eine leistungsfähige und dennoch aufführungsgerecht leise Klimaanlage nachzudenken. Gemeinsam und jeder für sich haben die Deutsch-Franzosen ein Programm zusammengebastelt, das einerseits so improvisiert wirkte, wie das für die "Nacht der Lieder" notwendig ist, um die nötige Spannung zu bewahren, das andererseits aber auch so passend und im Einklang war, dass man meinen könnte, die fünf Künstler träten nur noch gemeinsam auf.

Das mag auch am Eindruck gelegen haben, Joana und Egles hätten ihre Titel alle schon einmal gespielt. Die Sängerin aus Mannheim, die bei der letzten Nacht der Lieder krankheitsbedingt absagen musste und der man – wenngleich sie selbst das vehement bestreitet - noch einiges von der Erschöpfung anmerkt, brachte neben der sicherlich längst nicht mehr umgehbaren Kult-Hymne "De Hildegard ihr Yuccapalm" vor allem Erinnerungen an alte Tage: Ein Potpourri von Melodien aus Zeiten, in denen sie ihre ersten musikalischen Gehversuche beim Ortsverband des Deutschen Kraftfahrerverbandes machte, der tief bewegende Titel "Eine Sekunde der Ewigkeit", mit der sie – allen Widerworten zum Trotz – sich selbst ohne Frage ein Stück unsterblich macht, und natürlich einen ihrer "Motto-Songs": "Reimen muss sich's auch". Die unumstritten größte Chansonette Mannheimer Mundart beweist immer noch eine unglaubliche Bühnenpräsenz, wenngleich ihre warm-erdige Stimme etwas an Strahlkraft verloren zu haben scheint.

Als ihr gitarristisches Füllhorn Adax Dörsam, der mit einigen Solostücken eine nachdenklich-ruhige Note in den Abend brachte, der durchatmen ließ in einem ansonsten sehr vorwärts drängenden Programm. Für dieses "Fortschreiten" sorgte vor allem der badische Mundartdichter Harald Hurst. Der erfolgreiche Buchautor hat eine ganz spezielle Art, seine Gedichte vorzutragen – fast unmerklich beginnen sie, eingebettet in eine schöne Geschichte, dann aber galoppieren sie los, brechen sich ihren Weg – es ist mehr ein Erzählen in verfassten Formen. So wurde der "einzige, der im Programm nur schwätzt" zum Publikumsliebling. Kein Wunder, bedient er doch die kleinen Alltäglichkeiten des Lebens, die jeder seiner Zuhörer nur zu gut kennt. "Mir brauche unsere Schwobe", nämlich um zu definieren, was ein Badener ist: "Badener ist net so klar – aber so nicht!" Ein Sommergedicht "vom Hocke und Schwitze und Trinke" im Biergarten – "Fräulein rufe, bis alle Leut gucke, nur's Fräulein net". Dann der liebe Hund "Rambo" – "Normal beißt er net. Er zwickt nur!" Und natürlich die freizeithektische Ode "An'd Luft gehe", in der zum Ausdruck kommt, in welche Hektik es den vom Winter erlahmten Durchschnittsmenschen stürzt, wenn er im Frühjahr wieder was unternehmen soll: "Bis mir fortkomme, brauche mer nimmer fort!"

Der straßburger Liedermacher Rene Egles hatte sich diesmal als Akzentgeber an der Gitarre Jean-Paul Distelle mitgebracht. Gemeinsam sangen und spielten sie sich durch bekannte Titel wie "Summertime in Pfüllgrießheim", "Schaffe find isch zu schwär" und - natürlich in Hockenheim ein Muss - "D Schumacher vom Supermarché". Die warme, weiche Stimme des bärtigen Barden fesselte das Publikum wie gehabt.


In wechselnden Kombinationen und zum Schluss alle Künstler gemeinsam – das war einmal mehr ein Zeichen dafür, dass die deutsche und die französische Kultur in Einheit und gemeinsamer Anstrengung erst richtig aufblühen. Bis zur nächsten "Nacht der Lieder".