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Erschienen
Chihiros Reise ins Zauberland
07/2003
Selten war sich die versammelte Kritik so einig wie beim neuen Kinofilm von Hayao Miyazaki. Der durch die Heidi-Zeichentrickserie bekannte Japaner hat mit "Spirited Away" (oder in Deutschland "Chihiros Reise ins Zauberland") klassische japanische Mythologie und ein wenig "Alice im Wunderland" zu einem gelungenen Kinoerlebnis verbunden.

Um was geht es? Die kleine Chihiro muss mit ihren Eltern umziehen. Doch die Fahrt in das neue Zuhause endet in einer Sackgasse vor einem unbekannten roten Haus. Das ängstliche Mädchen folgt den neugierigen Eltern in das Unbekannte. Sie entdecken eine verlassene Bar und nach einem ausgiebigen Essen verwandeln sich die Eltern in Schweine. Nur Chihiro kann ihre Eltern retten, was ihr nach einer Reihe fantastischer Abenteuer auch gelingt.

Doch das weiß man sicher schon aus einer der unzähligen Vorschauen. Spirited Away ist ein Kinderfilm, der beweist, dass man den Kleinen in puncto Anspruch mehr zutrauen kann, als das, was ein durchschnittlicher Disney-Film zu bieten hat. Denn Chihiro entwickelt sich während der zwei Stunden nachvollziehbar vom ängstlichen und unmündigen Kind zu einem verantwortungsbewussten jungen Menschen. Viele kleine, fast unnötig erscheinende Nebenstories erzählen diese Geschichte. Das ist auch für das Genre Anime nicht normal. In der japanischen Kultur wird meist der Erfolg der Gruppe durch Unterordnung des Einzelnen gezeigt. Doch diesem Zwang hat sich Miyazaki noch nie unterworfen. Seine Geschichten waren immer eher europäisch. Schon Heidi war eine starke Frau und auch seine Geschichte "Nausicaä im Tal der Winde" erzählt in fast langsamer (und dadurch für uns Europäer verständlicher) Art die Abenteuer der starken und dennoch herzlichen Frau, die gegen die Intriegen der Herrschenden ihre Welt ins ökologische Gleichgewicht bringt. In dieser Tradition steht auch Chihiro.

Grafisch ist Chihiros Reise in Zauberland vielleicht nicht so atemberaubend wie der erst kürzlich in den Kinos gezeigte "Metropolis – Robotic Angel"; tricktechnisch ist er aber auf jeden Fall über alle Zweifel erhaben. Hier gelingt es sogar, die nicht immer leichte Geschichte in wunderbaren Bildern zu erzählen, und so den Zuschauer mit Bild und Inhalt zu erreichen. Das ist wertvoller, als ein gelegentlicher grafischer Reißer, den man nach Sekunden schon wieder vergessen hat. Einzig die Länge wird für das Zielpublikum, wenn es denn wirklich ein Kinderfilm sein soll, schwer zu verkraften sein. Aber vielleicht ist Chihiro auch mehr für die Eltern gemacht. Denn auch dort gibt es noch viele, die sich wie Chihiro auf den Weg machen müssen, um zu einem mündigen Menschen zu werden. Und wenn dann noch gleichzeitig für die Selbstverwirklichung der Kinder Verständnis geweckt wird, kann man sich bei diesem Vorzeige-Anime nur bedanken.


Mein Tipp: das nächste Alibi-Kind ins Kino einladen und zur Abwechslung mal statt unterhaltsamer Action einen in jeder Beziehung echt fantastischen Film anschauen.