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Erschienen
Auf dem Weg nach unten
08/2003
„Rauchen gefährdet das Leben ihres Kindes bereits während der Schwangerschaft“ – die von den EU-Gesundheitsministern via „Lucky Strike“ und „Marlboro“ verbreitete Allerweltsweisheit enthält einen offenkundigen Fehler und zumindest eine verschleierte Unwahrheit: „Das Leben welches Kindes?“ mag man sich angesichts der rapide fallenden Geburtenzahlen in unserem Land denken und auch das „Leben“ wird angesichts massiven Sozialabbaus und einer ungewissen globalen Zukunft zum absoluten Hohn.

In Kürze wird zumindest in der Bundesrepublik jede zweite Kippenpackung die Aufschrift tragen müssen: „Der Rauch einer Zigarette dieser Marke finanziert den Tagessatz eines Durchschnittsrentners“. Verrückte Welt, in der Rauchen dem guten Zweck dient. Keine Frage, gesundheitsschädliches Verhalten muss bestraft werden und all die assozialen Raucher-Schweine, zu denen auch ein Teil unserer Redaktion gehört, müssen bestraft werden! Aber in Erinnerung an glorreiche Zeiten, in denen das Raubrittertum wenigstens offen betrieben wurde, sollte Vater Staat die republikweite Absahne wenigstens nicht auch noch mit der blanken Lüge der angeblichen „gesundheitspolitischen Lenkungsfunktion des Zigarettenpreises“ schöngeredet werden. Kein Schwein in der Regierung wünscht sich wirklich, dass auch nur ein Glimmstängel weniger geraucht wird. Ganz im Gegenteil: Man rechnet dort schon fest mit dem zähneknirschend gezahlten Tribut der Suchtkrüppel von der Nikotin-Front. Alles schon als zierlicher Flicken für ein gigantisches Loch im Bundeshaushalt verplant.

Einmal mehr begibt sich unsere Gesellschaft auf den abenteuerlichen Irrweg der doppelbödigen Zwischen-, Schein- und Verschiebefinanzierung: Dank Ökosteuer rasen für die Renten, dank Tabaksteuer rauchen für Alterssicherung und Innere Sicherheit – man fragt sich nur, für was man in Kürze saufen muss! Da würde sich doch eigentlich die Gesundheitspolitik anbieten. Schließlich tun sich auch dort allenthalben neue Milliardenlöcher auf, die nach pragmatischen Lösungen verlangen. Nichts läge uns ferner, als die Grundsanierung unserer Sozialsysteme. Jedenfalls so lange, wie das Volk so dämlich ist, sich mit vorschnellen Scheingeschenken blenden zu lassen.

Hier ein bisschen Zahnersatz streichen, dort ein wenig mehr Selbstbeteiligung und „Praxisgebühr“ – klingt doch prima! Kein Gedanke daran, dass selbst diejenigen, die den Abschied von der um sich greifenden Vollkasko-Menthalität propagierten, damit nicht den stufenlosen Übergang in die Abkehr gesellschaftlicher Solidarität gemeint hatten. Wie wenig eine Verteuerung des Zahnersatzes zur Kariesprophylaxe beigetragen hat, konnte man bereits in der Vergangenheit eindrucksvoll sehen: Schon lange werden Zahnarztflüchtlinge deutlich stärker zur Kasse gebeten, wie fleißige Weißkittel-Fetischisten. Dennoch wurde keine Minute mehr gebürstet. „Alles nur eine Frage des Preises“, tönt es uns aus CDU-Mündern mit steuergebleichten Beißerchen entgegen. Stimmt. Alles nur eine Frage des Preises. Aber auch eine Frage, wer diesen Preis bezahlen muss.

Entgegen allen Ankündigungen unserer geschätzten Gesundheitsministerin verschieben die neuen Reformen einmal mehr die bislang auch von der Solidargemeinschaft abgesicherten Lebensrisiken auf den Einzelnen und erklären sie zum Individualproblem. An diesem werden – ebenfalls einmal mehr – vorrangig die Armen schwer zu kauen haben (sofern die dann überhaupt noch Zähne haben …), während sich die staatlich subventionierte monetäre Oberklasse dick eins ins Fäustchen lacht.

Dabei lässt sich bei Krankheit tatsächlich bisweilen ein gewisses Selbstverschulden konstatieren, das- „mein ist die Rache, spricht der Herr“ – selbstverständlich auch voll ausgebadet werden muss. Wenn aber das selbe Prinzip auch auf die Arbeitslosigkeit übertragen wird, dann greifen groteske Formen kollektiven Irreseins um sich. Die verbockte Politik der vergangenen zwanzig Jahre hat Deutschland zu einem internationalen Schlusslicht werden lassen. Da mögen unsere Konservativlinge der SPD zwar einerseits zu recht die „rote Laterne“ verleihen – dabei geht ihnen aber keineswegs selbst das Licht auf, dass auch unter Waigel und Konsorten die politischen Odysseen kaum weniger abenteuerlich waren.

Was unser Land braucht, sind mutige Reformen. Das hören wir seit vielen Jahren und dieser Satz war zu keiner Zeit wahrer, als heute. Mutige Reformen meint aber weniger einen noch enthusiastischer betriebenen Dauerlauf in den Untergang, wie wir ihn seit langem schon üben. Mutige Reformen erfordern ein grundsätzliches Umdenken weg von einer Gesellschaft, in der Gewinnmaximierung zum obersten Gebot erklärt wird. Nicht „immer höher, immer weiter, immer mehr“ darf Leitbild unserer Kultur sein, sondern „besser, gerechter und freier“ müssen die Vokabeln einer neuen Zukunft werden. Unser Land befindet sich derzeit im freien Fall wie ein losgerissener Fahrstuhl auf dem Weg in den Keller. Es wäre an der Zeit, gemeinsam die Bremsen reinzuhauen, statt jeder für sich zu sehen, dass er sich – notfalls den Nächsten als Puffer nutzend – möglichst gut auf den Aufprall vorbereitet.

Wenn dieser Fahrstuhl unten ankommen sollte, dann wird auch der beste Puffer nichts nutzen!