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Henning Sietz
Erschienen
Attentat auf Adenauer. Die geheime Geschichte eines politischen Anschlags
10/2003
Siedler Verlag, Berlin
336 Seiten / € 19,90
Attentat auf einen deutschen Bundeskanzler? Gab es das? Ja. Im Frühjahr 1952 explodierte im Keller des Münchner Polizeipräsidiums ein an Bundeskanzler Konrad Adenauer adressiertes Paket und riss einen Sprengmeister in den Tod.

Henning Sietz, ein Jahr nach dem Anschlag geboren, entwickelt aus einer in der breiten Öffentlichkeit vergessenen Episode bundesdeutscher Geschichte ein vielschichtiges Bild der ersten Adenauer-Jahre. Der Autor führt den Leser im ersten Kapitel ins Thema ein, beschreibt, wie er sich für diesen Stoff zu interessieren begann und wie schwierig die Beschaffung des Aktenmaterials war. Es gehört unzweifelhaft zu den großen Vorzügen dieses Buches, dass Sietz alles sehr detailliert erklärt und den Leser sozusagen thematisch an die Hand nimmt ohne dabei "oberlehrerhaft" zu wirken.

Man merkt dabei sehr schnell: Der studierte Germanist und Slawist beschränkt sich nicht nur auf den Vorgang des Anschlagversuches selbst, sondern dringt tief in die Hintergründe ein. Spuren des Attentats führen nach Frankreich, aber von Amtshilfe mit den französischen Rechtsorganen ist kaum zu sprechen. Der Krieg war noch fest verankert in den Köpfen und Sietz schildert brillant die angespannte Atmosphäre des deutsch-französischen Verhältnisses der frühen 1950-er Jahre. Dass die ersten Ermittler am Fall eine dunkle Vergangenheit im Reichssicherheitshauptamt und in der SS hatten, verschweigt der Autor ebensowenig wie die Tatsache, dass die junge Bundesrepublik auf die Kräfte der NS-Zeit angewiesen war.

Henning Sietz entschleiert die verwobene Geschichte hinter der Geschichte des Attentats und stellt dar, dass jüdische Terrororganisationen die "Wiedergutmachungsverhandlungen" zwischen Deutschland und dem finanziell schwer angeschlagenen Staat Israel torpedieren wollten. Wie kompliziert die Situation in Israel mit den untereinander bis aufs Blut verfeindeten jüdischen Organisationen war, legt der Autor journalistisch glänzend da. Für den jüngeren Leser ist es sicher überraschend zu erfahren, dass der spätere israelische Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger Menachem Begin zu den Anführern dieser Organisationen gehörte und mit beinahe unterirdischer Agitation gegen die deutsch–israelische Annäherung propagierte.

Aber wer waren eigentlich die unmittelbaren Attentäter? Henning Sietz grenzt mit kriminalistischem Geschick den Täterkreis auf einige Personen ein, wobei ein Josef K. als wahrscheinlicher Überbringer des Päckchens ermittelt wird. Die Kurzbiographien der Männer, die etwas mit dem Attentat zu tun haben könnten, schildern auf anschaulicher Weise ihr Herkommen und die traumatischen Ereignisse, die sie während der Hitler-Diktatur erlebt hatten.

Das Buch zeigt aber auch, wie geschickt Konrad Adenauer war. Obwohl er die Ermittlungsergebnisse gekannt haben muss, stellte die Bundesregierung keinen Auslieferungsantrag an Israel. Jüdische Attentäter vor einem deutschen Gericht hätten nur eine Dekade nach dem versuchten Genozid sicherlich zu großen emotionalen Verwirrungen führen können. Der damalige israelische Ministerpräsident David Ben Gurion soll Adenauer dafür stets dankbar gewesen sein.

Besonders gut gelungen ist die Nachbetrachtung. Was ist aus den Akteuren geworden? Das Stilmittel der vom Autor gestellten und auch von ihm beantworteten Frage, das sich vor allem in Filmen und Fernsehdokumentationen wiederfindet, gibt dem Buch eine besondere Note. Im Anhang werden die Fußnoten ausführlich erklärt und es existiert ein umfangreiches Literaturverzeichnis.

Sprachlich gesehen bewegt sich das Buch auf einem hohem Niveau. Schon die ersten Sätze im Kapitel "Tod eines Sprengmeisters", in denen Umstände und Geschehen des Märztages 1952 in prägnanter Weise beschrieben werden, wecken beim Leser das Interesse, dranzubleiben.


Henning Sietz, "Attentat auf Adenauer", erschienen im Siedler Verlag ist spannend wie ein Krimi, atmosphärisch wie ein Roman und zugleich hervorragend wissenschaftlich recherchiert. Dieses Buch sollte man lesen.