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Erschienen
"Gib nicht gleich auf": Liebesgeschichten um Ökobrötchen beim "Mittwochsfazit"
10/2003
In der politischen Hochburg unserer Republik sind sie längst eine Kulteinrichtung: Der Liedermacher Manfred Maurenbrecher, der verschmitzte Horst Evers und "Schauleser" Bov Bjerg ziehen eigentlich jeden Mittwoch ihr Fazit zu Themen der Zeit im Berliner Jazzkeller "Schlot" und erschüttern mit ihren sinnlich-barbarischen Innenansichten regelmäßig den Gleichmut ihrer Zuhörer. Nun haben die drei Akteure des "Mittwochsfazit" ihr Epizentrum durch die ganze Republik wandern lassen; neben München und Leipzig stand auch die eigentliche Hauptstadt der Kleinkunst auf dem Reiseplan: Ende September begeisterte das Trio im Kulturzentrum "Pumpwerk".

Eigentlich ist die fast antiquiert wirkende Art, in der das "Mittwochsfazit" seine Texte und Lieder im wahrsten Sinne des Wortes "vorträgt", aus einer anderen Zeit: Damals war Standup oder wie auch immer sonst geartete Comedy nicht das einzige, was sich zu präsentieren wirklich lohnte. Es war die Hochzeit des Kabarett, als die Hildenbrandts und Hüschs noch über die Bühnen der Republik den Bohrer noch gnadenlos auf die Wurzel des Zahns der Zeit ansetzten; wer das "Mittwochsfazit" erlebt, fühlt sich – von den aus werbetechnischen Gründen reißerisch aufgemachten und die niederen Instinkte bedienenden Programmtiteln wie "Geile Teile, Bäckereifachverkäuferinnen packen aus" einmal abgesehen - in diese alten Tage zurückversetzt: Das komplette Programm, das nicht eben selten erst kurz vor dem Auftritt entstanden ist, wird konsequent vom Blatt abgelesen. "Richtig spektakulär ist das auch nicht gerade – Stimmt!" ziehen die Drei selbst feinsinnig Bilanz. Das können sie sich leisten, denn auf Spektakuläres können sie getrost verzichten. Auch wenn der Programmtitel "Dumm fickt gut – die Tragik der Hochbegabten" einmal mehr etwas anderes vorgaukeln mag - das "Fazit" wirkt einzig und allein aus seinen Texten, aus der hintersinnig-vielsagenden Art seiner Botschaften, aus dem Blick eben gerade auf das Unspektakuläre; nicht zuletzt deshalb haben die drei im vergangenen Jahr den Deutschen Kabarettpreis abgeräumt.

So bezeichnet sich der aus Württemberg stammende ewige Student Bov Bjerg gerne als "Schauleser". In seiner stoisch-gehemmt wirkenden Art entwickelt er vor dem Publikum Geschichten um brisante Themen wie Druckknopfampeln und zerschlissene Froteehandtücher, um sich aber stets zielsicher ganz anderem, weitaus packenderem Stoff zuzuwenden – So will er seine "traumatische schwäbische Jugend aufarbeiten" und gerät im Eifer des Gefechts auch mal zwischen "errigierte Glieder und Scharping, umherschwirrende Fäkalpartikel, platzende Meerschweinchen und marcelproustartig schales Bier".

Aufgeweckter, noch brillanter und verschmitzter an seiner Seite an der Lesefront: Der aus dem betulichen Niedersachsen an die Weddinger und Kreuzberger Front zugeeilte Horst Evers. Seine Spezialität ist das Herausschälen des Sensationellen im Alltäglichen: Wie in den Klassikern der Erzählkunst spinnt er um jede seiner Geschichten eine davon völlig unabhängige Rahmengeschichte – ein fatales Fußballspiel dient dazu, das eigene Leben Revue passieren zu lassen, allbekannter Bahn-Ärger ist Aufhänger für eine atemberaubende Verwechslungs-Episode. Und eben wie sie bedient er sich einer so genialen, ausgefeilten Sprache, die gleichzeitig völlig unprätentiös daherkommt. Sein absolutes Highlight war sein Boulevardmagazin "egal", das sich mit ungewöhnlichen Süchten beschäftigte: Der eine gibt sich den Adrenalin-Rausch als Blockierer an der Käsetheke im überfüllten Supermarkt ("Geben sie mir 10 Gramm von jeder Sorte"), der andere ist süchtig nach "Wenn der Bus kommt" und leistet sich pro Einzelfahrschein sechs "Trips".

Unangefochtener Übervater und eine Art poetisch-salbadernder Basisbau ist der Urberliner Manfred Maurenbrecher. Im vergangenen Jahr feierte er bereits einen solistischen Erfolg in der Rennstadt mit seinem "Berliner Blues", wie Kult-Liedermacher Konstantin Wecker einst konstatierte: Eine Mischung aus beschwörender Tristesse und herzerweichenden plötzlichen Wandlungen. Seine Lieder von unbeschreiblicher Schlichtheit, dabei aber versponnen und von packendem Inhalt – Maurenbrecher verkörpert eine Spezies, die in unserem glamourösen Showbiz auszusterben droht.

"Das Leben ist kurz und das meiste geht rum mit Träumen" – der Liedermacher desillusioniert, er sticht den Stachel ins Fleisch, wenn er eine bezaubernde Liebesgeschichte an einem Öko-Brötchen aufhängt. Aber er spornt auch an – durch die kalte Küche eines "Gib nicht gleich auf" angesichts entgangener Lotto-Millionen, abgerauchter Buch-Träume und selbstmordvereitelnden Hüpfburgen. Dabei ist er zum Sänger nicht eben geschaffen: Aber seine Frank-Farian-Stimme, der Glanz und gekünstelter Ausdruck völlig abgehen ist eben die rechte Kulisse für den alten Mann, der sein altes Fahrrad durch Regen und Wind schiebt, für die mit ordentlich Sitzfleisch im Cafe sitzenden Liebenden, denen "zu kalt zum ficken" ist. Und bei aller nachdenklichen Traurigkeit bleibt immer Platz für eine unverhofft komische Wendung: In das aus dem 18. Jahrhundert stammende Volkslied "Bunt sind schon die Wälder" baut er ein alterndes Pärchen ein, das nach dreißig Jahren zusammen "alles getan" hat und eine Broschüre liest wie eine Suizidanleitung – aber "man muss nicht alles mitmachen, was die bei der BfA vorschlagen!"


Nach fast zweieinhalb Stunden hinterlässt das "Mittwochsfazit" ein begeistertes Publikum und die Frage, warum Niveau in der Gegenwartskleinkunst keine Chance mehr hat, während hirnrissige Blödeleien im Stil von Mundstuhl ausverkaufte Häuser feiern kann.

Die Künstler finden sich im Internet unter:
http://www.mittwochsfazit.de
http://www.maurenbrecher.com
http://www.horst-evers.de
http://www.bjerg.de