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Erschienen
Satchmo lebt: Musik im Stile eines begnadeten Künstlers in Hockenheim
11/2003
Retro-Shows sind in, daran besteht kein Zweifel: In Mannheim läuft "ABBA", Wien lässt in einem Musical Willi Forst auferstehen und vor kurzem erst ließ man gar das gesamte vergangene Jahrhundert im wahrsten Sinne des Wortes Revue passieren.

Mit "Satchmo – King of Jazz" gedachte die Rennstadt Anfang Oktober der Legende Louis Armstrong. Allerdings, das zeigte der Abend mehr als nur deutlich, muss man bei der musikalischen Rückschau den sich ständig ändernden Geschmack der Gegenwart treffen: Nur rund 80 Besucher fanden den Weg in die Stadthalle, um den Klängen des einstens so gefeierten Trompeters zu lauschen.

Viel mehr als eine Aneinanderreihung von bekannten und weniger bekannten Satchmo-Titeln war die etwas großspurig als "Musical" angekündigte Show tatsächlich nicht – die Rahmenhandlung wirkte mehr als bemüht, war ohne Programmheft kaum durchsichtig und ließ wenig vom bewegten Leben des begnadeten Instrumentalisten, vom turbulenten Ruhm des gefeierten Schauspielers und vom durchaus nicht unumstrittenen Glanz des charismatischen Sängers aufscheinen.

Der alte Armstrong – der in der Inszenierung des Parktheaters Augsburg daherkam wie ein Zwanzigjähriger – erinnert sich anlässlich eines Interviews seines wechselvollen Lebens: In früher Kindheit in New Orleans mit den Niederungen des Daseins konfrontiert und von Prostitution, Gewalt und Kriminalität selbst auf die schiefe Bahn getrieben, landete der kleine Junge mit zwölf Jahren im Heim, wo er so gut Kornett zu spielen lernte, dass er bereits als junger Mann nach einem Aufstieg über die damals sehr verbreiteten Riverboats in der Band des Jazz-Stars Joe "King" Oliver in Chicago spielte – ohne Noten lesen zu können und mit einer Technik "learning by doing".

Überall in den Honky Tonks war ein neuer Musikstil aufgekommen, die Dixiland-Bands spielten diesen New-Orleans-Style, der Armstrong so anrührte: Er brillierte mit seiner Technik, seinem intensiven Swing und dem phantasiereichen Aufbau seiner melodischen Stilrichtung. Mitte der 1920er Jahre war er der gefeierte Jazz-Star seiner Zeit, bereiste die ganze Welt und wurde zum Synonym für den Jazz. Nach dem zweiten Weltkrieg allerdings war der Bebop angesagt, dennoch gelang Armstrong ein bewundernswertes Comeback: Er war bis zu seinem Tod 1971 unangefochtener Gott der Jazz-Szene.

Begeistern konnte das in seiner Darstellung insgesamt deutlich zu amerikanisch angelegte, mit übertriebener Mimik und Gestik teilweise etwas bedauerlich wirkende Musical vor allem durch die zahlreichen Sachmo-Klassiker, die Marty Jabara vorsichtig arrangiert hatte und gleich selbst am Klavier mitprägte: "Heebie Jeebies" war ebenso im Programm, wie das legendäre "Cornett Chop Suey", das berühmte "Blueberry Hill" und der "West End Blues", der von Musikkritik und Musikern gleichermaßen zur besten jemals veröffentlichten Jazz-Aufnahme gekürt wurde. Hier war es vor allem Trompeter Leslie Drayton, der mit einer bemerkenswerten Technik und brillanter Interpretation den alten Titeln Leben einhauchte.

Alvin Le-Bass überzeugte als Armstrong stimmlich absolut. Darstellerisch krankte er eher unter der Regie von Michael Oberer. Leider viel zu selten zu hören Georgia-M. Reh, die mit "I Got a Right to Sing the Blues" und "C’est si bon" echte Hinhörer über die Rampe hievte.

Zum inszenierten Abschiedskonzert präsentierte Le-Bass die Satchmo-Hymne "Wonderful World" – leider in einer modernisierten Weichspüler-Version, die so gar nicht an Louis Armstrong erinnern wollte, allenfalls an Michael Jackson, der zwar auch schwarz ist, aber auf seine Hautfarbe weitaus weniger stolz zu sein scheint.


Was bleibt, ist ein Abend voll herrlicher Musik im Stile eines begnadeten Künstlers, der für seine, aber auch für unsere Zeit weitaus prägender gewesen ist, als man landläufig annehmen mag. Am besten hat das wohl die Hollywood-Größe Bing Crosby auf den Punkt gebracht: "Die amerikanische Musik beginnt und endet mit Louis Armstrong."