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Erschienen
Respekt und Liebe für Polkagötter - HISS in Hockenheim
11/2003
"Großes Entertainment und philosophische Tiefe müssen sich nicht ausschließen!" Mit dieser Unheil verheißenden Botschaft ist Mitte Oktober die Formation "HISS" im Kulturzentrum "Pumpwerk" in den Hockenheimer Ring gestiegen und hat so richtig die Sau rausgelassen: Das bis zur Ekstase begeisterte Publikum bekam Polka auf die Ohren bis der Arzt kam – und der trug einen Sheriff-Stern.

Denn was die fünf Mannen um Leader Stefan Hiss da auf die Beine stellen, sucht seinesgleichen: Ein fetziger Sound, der aus der tiegelheißen Schmelze von antreibender Drum-Bass-Kombi, völlig abgedrehter Mundharmonika, genialen Gitarren-Riffs und natürlich vor allem aus exaltierten Akkordeonklängen zusammengegossen ist, vereinigt sich mit den teils neurotisch-entrückten, teils bodenständig-belanglos erscheinenden, immer aber spannenden und fesselnden Texten zu einer Legierung, deren Wert weitaus höher ist, als der ihrer Bestandteile - HISS ist "jene Kapelle, deren Musik uns seit Jahren glücklich macht": In Hockenheim hat die Polkatruppe bereits kurz nach ihrer Gründung 1995 gespielt, zuletzt waren die teuflischen Jungs im Frühjahr des vergangenen Jahres Winterkehraus für eine ausgeflippte Volksmasse.

Nun also wieder ein Streifzug durch sehr viele – dem begeisterten Mitsingen der rhythmisch entrückten Mitekstatiker nach zu urteilen bereits zu Kultsongs avancierte – bekannte Titel wie "Du Sack" oder "Polkakönigin", die als Stimmungsgarantien absolut unschlagbar sind. Dabei arbeitete HISS alles ab, was im Spannungsfeld zwischen "Tanz mit mir" ("Du suchst nach dem Prinzen und ich bin hier") und "Fass mich nicht an" ("Glaub mir, ich bin nicht Dein Mann") an menschlichen Höhen und Tiefen zu entdecken ist – Schlussfazit könnte wieder einmal sein: "Das Leben ist ein Rodeo, mal läuft es glatt, mal läuft es schief, mal hängst Du hoch, mal fällst Du tief".

Gleich danach Kontrastprogramm pur: Da wird aus dem "Immerwährenden Heiligenkalender" über die "Heilige Blandina" (von Lyon) zitiert, das "Begräbnis" abgefeiert, die morbid gestimmte Hymne "Vegetarier" ("Bleibet im Dunkeln, versteckt Eure Brut, Jeder beschütze die Seinen") zelebriert und am Ende ein musikalisch aufgemotzter Offenbarungseid abgelegt: "Ich bin schlecht"! Alles kein Problem, wenn dann wieder einer den Mann stehen darf, der freimütig und im besten Western-Style bekennen kann, "Ich bin ein Cowboy, ich bin ein Mann", und als "einsamer Reiter" feststellt, "So wie Du traf mich noch keine: Zwischen die Augen, zwischen die Beine und mitten ins Herz".

Gerade diese Vereinigung landläufig durchaus auch ohne Hochschulstudium nachvollziehbarer Schlussfolgerungen mit einer kultigen Musik und teilweise extrem hintergründiger Texte mit treibenden Rhythmen ist das unfehlbare HISS-Erfolgsrezept: Alles vorgetragen in der atemberaubend charakteristisch halsigen Stimme eines Stefan Hiss, an seiner Seite nach mehr als zwei Jahren Pause wieder der altgediente Antreiber Patch Pacher an den Drums, Michael Roth als der Mann, der mit seiner Mundharmonika wahrhaftige Lippenbekenntnisse abgibt, der aus einer Monty-Python-Klassiker geklaute Bassist Volker Schuh und ganz neu dabei der Gitarrist und Mandolinieri Thomas Grollmus.

Zwischen die bekannten Titel streute man aber auch erste Happen, die auf die neue CD hinweisen: Im November erscheint "Polka für die Welt", eine Scheibe, die zunehmend neue Klänge ins HISS-Universum einführen soll. "Ich hab die ganze Welt bereist", so versichern die Jungs mit Überzeugung, und "auf die harte Tour gelernt, dann keiner so wie ich die Polka spielt": So präsentierten die Fünf "Who stole the kishka", eine "polnische Polka, wie wir sie in den USA gehört haben, wo sie von schmissigen Jamaikanern gespielt wurde".


Zwei Stunden verabreichte HISS seinen Jüngern eine tanzsteigernde und freudenspendende musikalische Dosis – ohne Pause und ohne Gnade. Danach stand einmal mehr fest: HISS gehört zu den absoluten Topformationen aus dem Ländle und "für Ihr Talent und ihre Sensibilität verdienen sie unseren Respekt und unsere Liebe".



Mehr von HISS im Internet unter http://www.hiss.net.