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Detlev Claussen
Erschienen
Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie
11/2003
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M.
479 Seiten / € 26,90
Adorno. Ein Genie? Detlev Claussen möchte in diesem Portrait, welches keine einfache, herkömmliche Adorno-Biographie sein soll, die Texte des Philosophen zum "Sprechen bringen". Aufgebaut ist das Werk aber dennoch wie eine Biographie. Nach Hinweisen, wie das Buch zu lesen sei und einer Art "Einleitung" umfasst es die Lebensspanne des Mitautors der "Dialektik der Aufklärung" (mit Max Horkheimer) von der Geburt 1903 bis zum Tod in der Schweiz im Jahr 1969.

Brillant sind insbesondere die ersten zwei Kapitel, die Kindheit, Jugend und Studienjahren behandeln. Der Leser taucht förmlich ein in das Frankfurt der Jahrhundertwende (19./20. Jahrhundert).

Claussen gelingt es, atmosphärisch das soziale und kulturelle Klima der größten hessischen Stadt auferstehen zu lassen. Adornos Kindheit, das äußere und innere Verhältnis der jüdischen Bürger zu sich selbst und ihrer Umwelt, aber auch das musische Talent Theodors und seine Begeisterung für die Zwölftonmusik seines Lehrers Alban Berg werden anschaulich wiedergegeben. Eine vorzügliche Leistung Claussens.

Aber dann, die Vorfreude auf die kommenden Ausführungen ist groß, bricht relativ unvermittelt die Langeweile aus. Der Zauber des Buches ist wie verflogen. Der Adorno-Schüler Claussen verstrickt sich im Detailwirrwahr und der Blick auf das Wesentliche kann nur noch verschwommen erahnt werden.

Seitenlang werden Adornos Mitwirkung an Thomas Manns Spätwerk "Doktor Faustus" ausgeführt - inklusive des Streits darüber. Seine Briefwechsel und Begegnungen mit anderen Intellektuellen wie Ernst Bloch, Max Horkheimer, Berthold Brecht, Fritz Lang u.a. nehmen einen zu großen Teil des Buches ein.

Wird Adorno bei einem breitem Publikum nicht mit seinen berühmten Zitaten ("Kein richtiges Leben im Falschen" und seiner Bemerkung, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben wäre barbarisch) assoziiert? Claussen schreibt zwar, dass Generationen von Studenten diese Aussagen falsch verstanden und die darauf folgenden Halbsätze nicht gelssen hätten. Aber Meister Claussens Auflösung? Dürftig, sehr dürftig. Zu "nach Auschwitz eine Gedicht zu schreiben" kommt im Buch völlig unerwartet eine Bemerkung Claussens, wonach diese Aussage Adornos vor dem Hintergrund der gesellschaftspolitischen Situation zu sehen sei, und er (Adorno) bereits zur Weimarer Zeit den Verlust der Wirkung des Lyrischen beklagt habe.

Auf den folgenden Halbsatz des "kein richtiges Leben im Falschen" wartet der Leser immer noch.

Wenn schon zitieren, dann richtig. Adorno Zitate werden im Buch kursiv wiedergegeben. Die Nachweise dazu im Anhang unter "Zu den Quellen" - aber es Fehlen dort die Fußnoten. Der interessierte Leser muss die Zitate im Buch selbst nachzählen, um die Nachweise im Anhang nach wiederholtem Zählen tatsächlich zu finden. Dies ist schlichtweg unprofessionell und dürfte einem so renommierten Verlag eigentlich nicht passieren. Bei der nachfolgenden Auflage sollte dies unbedingt berücksichtigt werden.

Adorno und die Studentenrevolte von 1968 kommen auch nur am Rande, ebenso sein Privatleben. Dass er eine Ehefrau hatte: Am Rande, alles nur am Rande.

Adorno. Ein Genie? Claussen demontiert ungewollt seinen Lehrer. Genie als jemand, der eine Erfindung, die das Leben der Menschen verändert hat (wie der guttenbergsche Buchdruck oder das Automobil Benz/Daimlers) ist bei Adorno genau so fehl am Platze, wie in seinem originären Metier der Philosophie. Eine Kantsche Wendung, Hegelsche Geschichtsphilosophie oder Marxsche Klassentheorie? Nichts bei Adorno. Adornos "Texte sprechen zu lassen" - der Leser kann darauf verzichten. Beachtete Kulturjournalisten wie Gert Scobel, die das Buch als "süffig zu lesen" dem Leser anpreisen und damit eine gewisse Erwartungshaltung produzieren, scheinen bei diesem Buch ausnahmsweise nicht ganz richtig zu liegen.

Das mag daran liegen, dass man Claussens Adorno-Portrait unbewusst mit an Biographien anderer bekannten Philosophen, die Rüdiger Safranski - auch ein Adornoschüler - so meisterlich der breiten Leserschaft näher gebracht hat.



Detlev Claussen, um am Ende der Besprechung versöhnlich zu werden, hat fünf Jahre sehr umfassend recherchiert. Seine Beschreibung der Jugendjahre Adornos sind wahrlich eine Meisterleistung und müssen lobend erwähnt werden.