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Erschienen
Pumpwerk-Geburtstagsgala als Zeitreise "Back to the roots"
11/2003
Es war eine Reise in die Vergangenheit, ein Flashback, ein freudig begrüßtes Wiedersehen: Mit einer großen Gala als Teil des Geburtstags-Doppelpacks feierte das Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" Mitte Oktober seinen 20. Geburtstag. Noch einmal – wieder einmal – versammelten sich Größen der Kleinkunst auf der Rampe des ehemaligen Wasserwerks, um eine der Veranstaltungen zu produzieren, die so typisch für das Pumpwerk sind: Eine gelungene Melange aus Anspruch, Unterhaltung und Herzblut. Dabei deckte man mit Kabarett, Musik-Virtuosität, Artistik und Klamauk die großen Sparten der Angebote ab, die in den vergangenen 20 Jahren den steilen Aufstieg vom Geheimtipp zu einer der bekanntesten Bühnen der Szene überhaupt erst möglich gemacht haben.

Klar, dass es für die vielen Stammgäste und Abundzumalvorbeischauer, die gemeinsam feiern wollten, ein wenig eng werden musste: In den Gängen zwischen den Stühlen, auf den Treppen – überall standen und saßen die Besucher, die sich diesen besonderen Anlass nicht entgehen lassen wollten.

Tatsächlich war ja auch ein Programm geboten, das seinesgleichen suchen kann. Zur Einstimmung und zwischenzeitlichen "Erholung" brillierten "Brigite und das Trio Azul" mit Blues und Chansons. Mit einem sehr charakteristischen Flair präsentierte Brigite, die vor 15 Jahren - damals mit der Formation "Fifty-Fifty" - bereits in Hockenheim gastierte, "leichte Kost", die sich aber bei näherem Hinhören als echten Leckerbissen herausstellte. Ebenfalls an der Musik—Front: Claus Boesser-Ferrari. Der von der längst zur fest etablierten Größe im jährlichen Kulturkalender aufgestiegenen "Internationalen Gitarrennacht" bekannte Musiker gab wieder einmal eine Kostprobe seines ganz persönlichen Slangs der Weltsprache Musik: Auf seinem Instrument verließ er dabei wie immer die traditionellen Pfade der Interpretation und verwandelte den besaiteten Kasten durch informelle Einflüsse in einen Allrounder – eben sanft vor sich hinplätschernde Töne, dann eher Percussion und als Schlussakzent ein hartes Kratzen über den Corpus.

Eine wirkliche Reise in die Vergangenheit war das Comeback des einstigen Zentrums der legendären "Mitternachtsshows", Bille Billewitz. Manches begeisterte "Hallo" entfuhr den langjährigen Pumpwerk-Besuchern, als sie nach all der Zeit endlich wieder durch die große Hornbrille im ansonsten wirren Gesicht des Klamauk-Künstlers an alte Tage erinnert wurden, als der Saal zum bersten tobte, wenn Bille gemeinsam mit seinen Gästen im Hexenkessel von Akrobatik und Aktionismus rührte. Und es war, als sei er nie weg gewesen: Als "Udo von der Technik" brachte er eine Kostprobe dieser völlig spontan wirkenden Nummern, in denen Billewitz akrobatische Kunststücke und wilde Blödeleien zu verbinden pflegt. Mit dabei als Relikt sein Kult-Gedicht "Der Schwingschleifer". Im zweiten Block stellte er dann als "Gesundheitsexperte Herr Schöttle" seine Antwort auf die Gesundheitsreform ("Wer jetzt noch lebt, muss aufpassen") vor: "Cut yourself", eine Anleitung zur Selbst-OP mit Teppichmesser und Sterilisations-Tauchsieder.

Der Speyerer Parodist Gerald Kollek, ebenfalls viele Jahre ein gern gesehener Gast im Kulturtempel der Rennstadt, griff tief in die audiovisuelle Trickkiste und ließ den seeligen Franz-Josef Strauß, "AOK-Präsident" Johannes Rau, und die "große Tante der Talkshow" Alfred Biolek über die Bühne gehen. Joschka Fischers Grüne tragen bei ihm die alten Klamotten der FDP auf, Gerhard Schröder hat mit Doris "aufs richtige Pferd gesetzt" und Edmund Stoibers Ehefrau engagiert sich sozial, weil sie ja, wie er dem bayrischen Ministerpräsidenten täuschend echt zitierte, "seit dreißig Jahren mit mir verheiratet" ist.

Eher ein aufsteigender Künstler der jüngsten Zeit ist Christian Habekost, der sich vom ehemaligen begnadeten Kabarettisten zum Mundard-Comedian gewandelt hat und vor wenigen Wochen mit seinem neuesten Programm "Wellnässer" im Pumpwerk gastierte. Auch an diesem Abend zeigte er eindrücklich: "Mir sin äfach als Kurpälzer subberer als wie die onnare!" Denn entgegen dem landläufigen Vorwurf, die Bevölkerung hierzulande sei "bleed awwer herzlisch, dumm awwer dabbisch" stellte Habekost unter Beweis, dass wir "ganz ruhig und besinnungslos" sein können und dabei irgendwo "zwischen Einstein und Wiesloch" die höheren Weihen philosophischer Tiefe erfahren: Epikur, Seneka, Plato – "und dann mir", so seine These, die er auf der lebensweisheitlichen Genialität kurpfälzer Sinnhaftigkeit aufbaute: "Es kummt, wies kummt!" So gab er gemeinsam mit seinem Publikum die Antwort auf die großen Fragen unserer Zeit, "wo kommen wir her, warum sind wir da, wo gehen wir hin, wer gibt uns einen aus?"

Durch das Programm führte Arnim Töpel, einer der beliebtesten Kleinkünstler der Region überhaupt. Aber natürlich beließ es Töpel, der wie kein Zweiter an diesem Abend mit dem Pumpwerk, wo er seine ganze Entwicklung vom „Hallole“-Günther zum feinsinnigen Denker und hintersinnigen Gedankenakrobat erlebte, verbunden ist, nicht bei der Rolle als Conferencier. In einem feinen Mix aus Musik, Sprache und Witz blickte er zurück in Zeiten, als das Schmalzbrot noch 50 Pfennige kostete und man noch nicht alles als Dienstleistung begreifen und mit Eventcharakter anreichern wollte. Er betonte, dass gerade die Kombination aus Kultur- und Jugendarbeit im Pumpwerk einen Wert erzeuge, der "„weit über den Unterhaltungscharakter hinaus" gehe.

Zwischen seine kulturhistorischen Innenansichten streute er die allseits beliebte "Chiffre"-Nummer, die Hymne "Jeder mag Dich nur wenn Du schwach bist" und vor allem den Mitmach-Brüller "Irgendwie sind wir alle kleine Ärsche". Völlig aus dem Häuschen war das Publikum aber, als er mit seiner einstigen Erkennungsmelodie "Hallole, isch bins, de Günda", die zu Gartenschau-Zeiten für Furore sorgte, das Rad der Zeit tatsächlich zurückdrehte. Ohne Mikro, mitten unter seinem Publikum machte er damit die Gala zu einem wahrhaftigen Happening und unterstrich das, was den Pumpwerk-Charakter ausmacht: Das große Ganze von Künstler, Organisatoren und Publikum.

Wie ernst die Künstler das Kulturzentrum als Aufführungsort, aber auch als Einflussgröße für die eigene Karriere nehmen, mag daran abgelesen werden, dass sie – in tiefer Verbundenheit – an diesem Abend nur gegen Spesenausglaich aufgetreten sind und auf Gagen verzichtet haben: Wenn das kein "Back to the roots" ist!


Nach vier Stunden Programm war wieder einmal unter Beweis gestellt, was Arnim Töpel bereits ins Stammbuch geschrieben hatte: "Das Pumpwerk muss sich hinter Keinem verstecken – und das in jeder Hinsicht".