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Erschienen
Perle mit Zündschnur - aber ohne Rakete: Simone Solga im "Pumpwerk"
11/2003
Fast auf den Tag genau vor einem Jahr berichteten wir über das Gastspiel der aus Leipzig stammenden, heute in München wohnenden Kabarettistin Simone Solga und ihr erstes Solo-Programm "Ich packs". Mitte Oktober hat sie nun mit ihrem neuen Programm "Perle mit Zündschnur" ein zweites Mal die Bretter des Hockenheimer Kulturzentrums "Pumpwerk" erklommen – vor deutlich mehr Publikum und in deutlich besserer Atmosphäre.

Diesmal hat es ihre imaginäre Figur in die Wirtschaft verschlagen: Als Inhaberin des nicht eben florierenden aserbaidschanischen Spezialitätenlokals "La perla". Ob der absehbare finanzielle Ruin mehr auf das Konto ihres Angebots ("Ich hab nicht gemerkt, dass der Döner vom Inder war, so griechisch war der!") oder der sie umgebenden Infrastruktur (eine Gegend, in der selbst die Kinder im Hort sagen: "Hier hab ich langfristig keine Perspektive") geht, ist nicht ganz klar. Offenbar aber, dass es sie in eine ganz gemeine Gegend verschlagen hat: Aschersleben mitten in Sachsen-Anhalt. Die Drogenszene am Bahnhof - dem "pulsierenden Zentrum der Stadt" – "besteht aus einem Zigarettenautomat auf dem Vorplatz" und der Jugendtreff aus einem "Bistro-Tisch in der Tankstelle". Und warum das alles? Wegen Thomas, dem ehemaligen Schulfreund und heutigen gutverdienenden Gynäkologen, der sie aufs Zweitfrauendasein verdammt hat, weil er sich nicht scheiden lassen kann – "wegen der Kinder – die sind 18 und 21!"

Aus dieser trüben Position entwickelt die Solga ein mehr als zweistündiges Programm, das – wie gehabt – von rasend schnellen Themensprüngen lebt, die scheinbar so gar nichts miteinander zu tun haben, die aber alle doch zu einem Großen und Ganzen zusammenfließen. Hier ein eingestreutes DDR-Traditional, dort eine kleine szenische Abschweifung. Zum Fahrradüben auf den Friedhof ("da sind nicht so viele Leute – zumindest nicht oben!"), zum Flirten auf die Autobahn ("Ich fahr auch im Sommer mit geschlossenen Fenstern, damit die anderen glauben, ich hätte ne Klimaanlage") der Klingelton am Handy "Auferstanden aus Ruinen" – so wurstelt sich die Schauspielerin, die nach einigen Jahren bei der "Leipziger Pfeffermühle" Mitte der Neunziger zum Münchner Vorzeige-Kabarett "Lach- und Schießgesellschaft" gewechselt hatte, durch einen Abend, der viel Fahrt, aber – vielleicht eben dadurch - wenig Tiefgang hatte.

Vor allem der erste Programmblock dümpelte eher zwischen "Deutschland sucht das Supergrab" und der musikalischen Wegbeschreibung "Zum Swingerclub in Aschersleben". Die Pause markierte einen Wendepunkt: Nicht nur, dass danach auch die aus dem letzten Programm noch gut bekannte "russische Oma" wieder zum Zuge kam ("Ich weiß gar nicht, warum die Leute immer nach Identität suchen – mir haben sie gesagt, wie ich heiße, das hat mir gereicht!"). Dazu gesellten sich die bekannten Solga-Talente: Deutlich mehr Pfiff ("Ich habe nichts!" Darauf das Finanzamt: "Das kann man ihnen auch noch pfänden!"), deutlich mehr Hintersinn (man könnte doch im Restaurant mal "auf Jüdisch machen: Dann kommt vielleicht doch der ein oder andere wegen dem schlechten Gewissen. Und denen schmeckts ja – weil’s ja muss!").

Auf was man tatsächlich den Abend lange gewartet hatte, zauberte die Solga urplötzlich aus dem Hut: Kabarett. Da wird Kanzler Schröder ein lapidares "Ich geb ja zu, ich hab Versprechen gebrochen – aber ich kann neue machen. Und die sind auch nicht schlechter!" in den Mund gelegt und als Fazit festgestellt, dass selbst Gott ("das einzige CSU-Mitglied ohne Skandal") keinen "demokratischen Messias" mehr schicken wird: "Alles verkorkst da unten!" Sein Sohn würde auf ganz andere Ideen kommen – eine Toto-Lotto-Annahmestelle in Aschersleben aufmachen, aber "als Papst wird auch bald eine Stelle frei. Warum nicht ne Hierarchieebene einsparen und sein eigener Stellvertreter werden?"


Man kann tatsächlich feststellen: Auch wenn selbst der zweite Teil keine Wunder mehr brachte, und die "Zündschnur" keine Rakete hochjagte, so führte sie doch auch nicht ins Leere.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.simonesolga.de