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Erschienen
Traditionelle irische Musik und weltumspannende Moderne
12/2003
Die Mischung aus entrückend sphärischem Klang und bezaubernd magisch wirkenden Geschichten war es, die am ersten November-Wochenende im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" eine beachtliche Zahl Besucher in eine andere, unbekannte Welt hinüberlotste. Dabei hatte es die aus Dublin stammende Sängerin Anne Wylie auf den ersten Blick gar nicht so leicht mit ihrem Publikum; dieses war nämlich in seiner Mehrzahl mit ganz besonderen Erwartungen gekommen: "Irish Folk" ist längst zu einem so starr stehenden Ausdruck geworden, dass Kompromisse zunächst kaum möglich scheinen.
Die Release-Tour zur neuen CD "Silver Apples Of The Moon" aber, die Ende Oktober begann, erzwingt gleichsam ein Hörverlangen weit jenseits der einbalsamierten Gewohnheiten von Fiddle and Pipe. Das fängt bei der Instrumentierung an: Der eher swingy daherkommende Bass Henrik Mumms vereint sich - mal als Kontra-, mal als E-Bass – mit dem auf Ornamentik und bisweilen auch fragile Hintersinnigkeit spezialisierten Florian King an der Bouzouki; dazu steuert Wylie selbst einen sehr wechselhaften Gitarrenklang bei. Über all dem aber steht die Stimme der blassen Frau mit den langen dunklen Haaren.

Eine Stimme, die lockt und fesselt, die glasklar im Raum stehen, sich aber durchaus auch erdig und kehlig von unten anschleichen kann. Eine Stimme in jedem Fall, die verzaubert und die am ehesten noch an die dargebotene Kost von mythischen Geschichten in meist gälischen Liedern erinnert.

Insgesamt ist der Sound der Band, die gerne davon spricht, traditionelle irische Musik mit einer weltumspannenden Moderne zu verbinden, deutlicher von einem improvisatorischen Heute geprägt, als von tradiertem Gestern, das allenfalls in Spurenelementen und natürlich in den – meist aus weiblicher Sicht erzählten - Geschichten von Liebe und Leid, vom harten Leben und vom magischen Glück, wiederzufinden ist. Dazu trägt vor allem die eigentümliche Art der Rhythmisierung bei, die gerne mal auf der afrikanischen Djembe oder dem indischen Tontopf akzentuiert wird, aber auch der inzwischen doch recht massive Einsatz von Technik: Effektgeräte lassen viele der vor allem in den Intros genutzten atmosphärischen Kunstgriffe erst möglich werden, schmälern aber gleichzeitig etwas die Natürlichkeit.
In weit ausladenden Instrumentalpassagen erzeugen die drei Musiker eine Spannung, die den Focus neu ausrichtet. Dieser aber nimmt immer Wylies Stimme, die so sehr an die amerikanische Singer-Songwriterin Tori Amos erinnert, ins Zentrum.


So wurde es zuletzt doch ihr Auftritt, ihre Sternstunde. Begeistert hat sich das Publikum zumindest in seiner großen Zahl auf das Experiment, das "Silver Apples Of The Moon" mehr als die Vorgänger-CD "One and Two" wagt, eingelassen: Nicht auf verträumten Schwingen alter Tage hat man sich aufgemacht in ein fernes Land, sondern auf modernen Klängen in eine andere Welt in unserer Zeit.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.annewylie.com.