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Erschienen
Der Denker, die Träumer, der Naturmensch: Internationale Gitarrennacht in Hockenheim
01/2004
Anlässlich der dritten Internationalen Gitarrennacht trafen Mitte Dezember im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" – dem Konzept der inzwischen längst zum Publikumsmagneten avancierten Veranstaltung folgend - musikalische Welten aufeinander, verkörpert im Gastgeber Claus Boesser-Ferrari und den Musikern Ian Melrose und Uli Bögershausen.

Boesser-Ferrari, über den wir bereits ausführlich berichtet haben, hat sich mit seinem zwar etwas exzentrisch wirkenden, dabei aber extrem außergewöhnlichen Stil in die Spitze des Genres katapultiert. Frenetisch gefeiert von seinen offenbar auch an diesem Abend sehr zahlreichen Fans gelang es ihm wie stets mit sicherer Hand, schlagend, ziehend, streichelnd, kratzend eine enorme Spannung aufzubauen; jede Lautäußerung muss dabei aber mit großer Bedeutung aufgefüllt sein, wobei er nie ein kleines Mittel, sondern ausschließlich die große Geste wählt – ob bei der Neuinterpretation von Rock’n’Roll-Stückchen oder beim phantastischen Ausflug in den Regenwald.

Im direkten Kontrast zum "Denker" Boesser-Ferrari stand Ian Melrose. Der seit 20 Jahren in Berlin lebende schottische Gitarrist, der kurzfristig für den erkrankten Beppe Gambetta eingesprungen war, ist mit seiner Musik, vor allem auch mit der ungezwungenen Art, mit der er sie darbietet, deutlich näher dran an der Ursprünglichkeit. Seine Liebe zu Traditionals, die er durch seine perfekte Picking-Technik und seinen wachen Geist zu ganz liebreizenden Kunststücken verwandelt, ohne dabei auch nur in die Nähe von Kitsch oder Kommerz zu kommen, macht die große Gabe dieses Top-Musikers aus, der auch schon mit Reinhard Mey zusammengearbeitet hat und in der Trias den "Naturmenschen" verkörperte, der gerne auch mal zur Tin Whistle greift oder einfach seine warme, weiche Stimme zu einem Blues erklingen lässt.

Bei Uli Bögershausen von einem "Träumer" zu sprechen, wäre gefährlich und würde seiner Musik nicht umfassend gerecht werden. Vielmehr sind es seine ganz speziellen Fans an diesem Abend gewesen, die sich von dem umtriebigen Musiker, der ohne Zweifel ein Highlight war, zu Träumern machen lassen wollten. Mit seiner reich verzierten Ornamentik, seiner fast unglaublichen Fingerfertigkeit knüpfte der auf den ersten Blick etwas bieder wirkende Mann prächtige Klangteppiche aus tausend scheinbar so spielerisch perlenden Tönen, die er mit ganz sparsam eingesetzten Akzenten unterstützt. Dabei war er in Hockenheim aber durchaus in der Lage zu beweisen, dass damit kein "Geplänkel" gemeint sein darf, sondern eine weitsichtige, über den Horizont eines eigenen Stils hinausgehende Verschmelzung mit dem Instrument stattfinden muss. So präsentierte er liebevolle, ruhige, völlig natürlich daherkommende Balladen, liedhaft wirkende Stücke, aber auch starke Verdichtungen, die gefangen nahmen, um gleichsam den Gedanken zu befreien. Ein Könner, der seine Zuhörer reihenweise mit geschlossenen Augen weit weg brachte, weshalb der "Folker" ihn gerne auch schon mal den "sympathischen Saitenzauberer" nennt.

Auch diesmal hätte sicherlich ein besonderer Reiz darin gelegen, die drei Musiker, die schon zusammen auf der Bühne saßen und sich stückweise abwechselten, zusammen zu hören. Immer wenn sie dann aber tatsächlich ein "Tutti" präsentierten, geriet es rasch zu einer "One-Man-Show mit Begleitung": Boesser-Ferrari scheint – bei allem Respekt vor seinem ganz herausragenden Talent – ein wenig Nachhilfe in Sachen "Knigge" nicht zu schaden.




Dennoch bleibt ein zauberhafter Abend, eine reizvolle Konzentration von Denken, Träumen und Sein.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.ianmelrose.de, http://www.boegershausen.de und http://www.boesser-ferrari.de