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Jörg Friedrich
Erschienen
Brandstätten
Der Anblick des Bombenkrieges
01/2004
Propyläen-Verlag, München
220 Seiten / € 25.-
Wer sieht, denkt nach. Bilder des Todes, Elend, Zerstörung, Schrecken – Fehlen des Unaussprechlichen. Jörg Friedrich dokumentiert und publiziert mit "Brandstätten" einer breiten Öffentlichkeit das Leid des Bombenkrieges mit all seinen Folgen.

Dieser Bildband ist eine Ergänzung zu Friedrichs bilderloser Monographie "Der Brand. Bombenkrieg über Deutschland 1940-1945", ebenfalls bei Propyläen erschienen.

Ist es Friedrich bereits mit "Der Brand" gelungen, wissenschaftliche Rechercheakribie mit narrativer Erzählkunst zu verbinden und dem Leser in seiner individuellen Imaginationswelt vors innere Auge zu führen, was es heißt, im Bombenkrieg gefangen zu sein, betritt der Autor mit diesem Bildband eine andere, noch weitaus packendere Dimension.

Warum diese Bilder? Interessanterweise erfährt der Betrachter dieses Bilderreigens auf der letzten Seite unter Bildnachweis, dass sich Autor und Verlag (besonders Verlag) im unklaren sind, ob es sich gebietet Tod und Zerstörung von Körperlichkeit zu veröffentlichen.

Jörg Friedrich, der allen Unkenrufen zu trotz ein Olympier der zeitgenössischen Geschichtsschreibung ist, lässt den Betrachter nicht allein und führt ihn behutsam zur Intensivierung der Visualisierung von Schrecken.

Zehn Kapitel hat "Der Band". Jedes Einzelne beginnend mit einer bis zwei Seiten erläuternder Texte. Darauf folgen Bilder auf Bilder. Neben den erklärenden Bildunterschriften mit Ort und Datum des Fotos gibt es zu den Aufnahmen auch Montagetexte, die der Autor als Kommentar und in einem inneren thematischen Zusammenhang zu den Bildern zu verstehen gibt.

Was sieht der Betrachter? Es beginnt mit einer Reise in die Vergangenheit, als die Städte noch unzerstört waren und voller Schönheit aufleuchteten. Das alte Lübeck, Würzburg, Köln, Leipzig und viele andere Städte sieht man in Ihrer ganzen ehemaligen Pracht. Aber auch das soziale Elend in der Kaiserzeit spart Friedrich nicht aus. Die Enge und der Schmutz in Hamburgs Elendsviertel werden gezeigt, dazu ein Kommentar der Londoner "Times" aus dem Jahr 1892 zur Hansestadt: "Die schmutzigste Stadt ... diesseits des Mittelmeers ... Man spürt geradezu, wie die Cholera aus dem faulen, stehenden Wasser mit seinen schwarzen Schleimablagerungen steigt."

Dann Angriff: Bomben fallen zu tausenden nieder, aus der Luft ein brennendes Spektakel .

Abwehr: Aufnahmen vom donnernden Flakbatterien und Scheinwerferkegeln am nächtlichen Himmel.
Zuflucht: Frauen mit Kindern in engen Bunkern. Bergung der Verschütteten und Toten.
Verbrannte Menschen werden in Wannen eingesammelt, verkohlte Köpfe, die teils die ursprünglichen Gesichtszüge, teils das Totenkopfskelett zu erkennen geben.
Versorgung der Überlebenden in Krankenhäusern, Lebensmittellieferungen.
Trümmer, Bilder des Lebens, des Überlebens in Trümmern.
Die Repräsentanten der Partei der Nationalsozialisten im Umgang mit der Bevölkerung, die den Bombenkrieg erleiden muss.
Der Abschluss des Bildbandes: Die Städte Einst und Heute.

Die Bilder sind kontinuierlich in Schwarz/Weiß gehalten und schaffen allein dadurch schon eine gewisse Distanz, welche es überhaupt ermöglicht, solche Fotografien zu ertragen.

Friedrich zeigt auch Bilder von toten Bomberpiloten, die auf Flügen über Deutschland abgeschossen worden sind, die Insassen von Konzentrationslagern, welche Blindgänger und Leichen abtransportieren mussten sowie Zerstörung und Leid in Städten wie Warschau und London.


Warum diese Bilder? Friedrich zeigt Opfer und bewertet nicht Ihre Nationalität, Religion oder Abstammung. Es ist ein Bildband gegen Krieg und Terror. Es ist ein mahnendes Buch und wer den Bildband "Brandstätten" wachen Auges ansieht, denkt nach über den Sinn von Gewalt.Dafür gebührt Jörg Friedrich dank.