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Andreas Englisch
Erschienen
Johannes Paul II.
Das Geheimnis des Karol Wojtyla
02/2004
Ullstein Buchverlage GmbH & Co. KG, Berlin
382 Seiten / € 22.-
Es gibt Menschen, die sind schon da, solange man denken kann. Man nimmt sie irgendwie wahr. Aber weiß man etwas Näheres, etwas, das unter die Oberfläche geht? Karol Wojtyla aus Wadowice, besser bekannt als Papst Johannes Paul der II., ist eine solche Persönlichkeit.

Andreas Englisch, Vatikan-Korrespondent des Axel-Springer-Verlagshauses, zeichnet in 11 Kapiteln den Lebensweg des ersten polnischen Papstes nach. Dieses Buch ist aber viel mehr als eine schlichte Biographie, wie sie mit ständig zunehmender Anzahl in letzter Zeit fast schon in inflationären Ausmaßen Beliebtheit erlangt hat.

Der Journalist verbindet die Ereignisse des Pontifikats Johannes Pauls des II. mit dessen eigenen Lebensweg und gibt darüber hinaus Einblicke in 2000 Jahre Kirchengeschichte sowie in die soziale Lage von Ländern, welche der Papst bei seinen zahlreichen Auslandsreisen besuchte.

Englisch beginnt seine Einführungen nicht mit den gewöhnlichen Worten: "Karol Wojtyla wurde geboren am ..." Dies wäre für den Autoren zu sublim. Nein, er fängt an mit einer imaginären Frage seines jungen Sohnes Leonardo, dem im übrigen das Buch gewidmet ist, "Papa wer ist dieser Mann auf den Fotos?" Das ist die Fragestellung, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch zieht. Dabei wird deutlich, dass Englisch zu Beginn seiner Zeit in Rom sehr kritisch zu Johannes Paul stand. Für ihn war der Papst "sein Job", wie es der Journalist nennt und ein älterer Herr mit überkommenen Moralvorstellungen (Verhütung, Abtreibungsfrage). Englisch hatte sich ferner noch mit den hohen Mieten in Rom auseinanderzusetzen und fand als Untermieter u.a. einen Österreicher namens R., welcher sich mit seinem Lebensgefährten als flüchtender Mönch herausstellte.
Der Leser erfährt einiges über die Abläufe im Vatikanstaat. Insbesondere die Berichte über die Reisen des Heiligen Vaters sind gelungen; dabei geht es unter den Journalisten offenbar nicht gerade höflich zu: Rangeleien um den besten Platz im Flugzeug des Papstes sind wohl keine ungewöhnlichen Ereignisse.
Frühes Aufstehen um 4:00 Uhr morgens - ein Begleiter des Nachfolgers des Apostels Petrus zu sein, ist wahrlich keine stressfreie Arbeit. Eindrucksvoll sind Englischs Reportagen über die sozialen Schattenseiten der Länder, welche der Papst bereist, mit denen der Autor den Leser sehr unmittelbar an Not und Elend teilhaben lässt: Wenn er berichtet, wie Kinder in Rumänien gesellschaftlich missachtet und ausgestoßen in der Kanalisation leben, geht das auch hartgesottenen Lesern nahe. Daneben finden sich auch spannugsreiche Elemente anderer Genres, wie die konspirativen Treffen mit Mönchen in Kuba oder - unnachahmlich und einem Agententhriller gleich - die Unterredungen mit einem "Professor" in Syrien, der sich später als Angehöriger der Hamas herausstellt und Englisch aushorchen wollte.

Aber zurück zum Papst. Beim Lesen des Buches wird deutlich, um was es dem Papst nach dem erfolgreichen Zusammenbruch des Kommunismus geht: Um Aussöhnung und Verständigung mit den protestantischen Konfessionen, den orthodoxen Christen sowie beiden anderen monotheistischen Weltreligionen, dem Judentum und dem Islam.

Englisch beschreibt detailliert, wie der aus Polen stammende Papst als erstes Oberhaupt der katholischen Christenheit eine jüdische Synagoge besuchte und das Judentum als "unsere größeren Brüder" bezeichnete. Ein erstaunlicher Schritt, wenn man bedenkt, dass erst fünf Dekaden vergangen sind seit aus der Osterliturgie der Satz "Gott behüte uns vor den hinterhältigen Juden" gestrichen wurde. Er schildert lebendig die Reise ins Heilige Land mit all den Schwierigkeiten, die sich dabei ergaben, den symbolträchtigen Orten wie auch den Besuch einer bedeutenden Moschee in Kairo. Englisch ist immer dabei und berichtet in einer Süffigkeit, welche es dem Leser dieses wirklich empfehlenswerten Buches schwer macht, es zwischendurch zur Seite zu legen.

Die Krankengeschichte des seit nunmehr über 25 Jahren amtierenden Pontifex wird ebenso erwähnt wie seine innige Verbindung zur Mutter Gottes. Sein Motto "Totus totus" (Ganz dein, o Maria) sowie das "M" für Maria im eigenen Wappen widmet Johannes Paul der Heiligen Jungfrau.

Zu kurz kommt unseres Erachtens die Lebensgeschichte Karol Wojtylas bis zu seiner Wahl im Jahr 1978. Auch den Untertitel des Buches: "Das Geheimnis des Karol Wojtyla", der große Enthüllungen suggeriert, die sich dann auf einige wenige Details in einem schmalen Abschnitt am Ende des Buches tatsächlich finden, hätte Englischs Werk als "Aufmacher" eigentlich nicht nötig gehabt.

Der Kreis schließt sich. Vater Englisch erklärt seinem Sohn Leonardo, dass Gott diesen Papst geschickt habe, um die Menschen zu versöhnen. Auch R., der Homosexuelle ehemalige Mönch taucht wieder auf, inzwischen als Landwirt in Umbrien. Eine ausführliche Zeittafel mit den wichtigsten Daten des Lebensweges des Papstes beschließen diese hervorragende Arbeit.


Andreas Englisch ist ein großer Biograph, dem es gelungen ist, vielschichtige Themenkomplexe zu verweben ohne dabei verworren zu sein. Er bringt die Ereignisse auf den Punkt, wobei ihm im narrativen Bereich zugutekommt, dass er zwar ein Journalist mit gutem Ruf ist, dabei aber schreibt wie ein Romancier.
Wünschenswert wäre ein von Englisch erläuternd betexteter Bildband mit den wichtigsten Stationen des Lebenswegs Johannes Paul des II.