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Christopher Browning
Erschienen
Die Entfesselung der "Endlösung"
Nationalsozialistische Judenpolitik 1939-1942
02/2004
Propyläen-Verlag, München
832 Seiten / € 35.-
Es ist etwas ungewöhnliches geschehen, zumal für eine historische Reihe: Die Trilogie zur nationalsozialistischen Judenpolitik beginnt historisch gesehen mit Teil zwei - Entfesselung der "Endlösung" 1939-1942. Die Zeit vor 1939 und nach 1942 werden dann in nachfolgenden Bänden bearbeitet. Christopher Browning, Historiker an der amerikanischen Universität Chapel Hill, beschreibt die Radikalisierung der NS-Judenpolitik mit Beginn des Polenfeldzuges 1939 bis zum Beginn der industriellen Tötung an den Juden Europas 1941/1942. In zehn Kapitel unterschiedlichen Umfanges von 17 bis 100 Seiten stellt der Historiker Entscheidungsprozesse, Hintergrund und individualisierende Begebenheiten des Verbrechen an der Menschheit dar.
Das Anliegen des Autors dabei ist, die "Totalvernichtung der Juden" nicht als etwas von Anfang an Beschlossenes anzusehen - ganz entgegen der landläufigen Assoziation, in der NS-Deutschland und Judenpolitik als Judenvernichtung zumeist gleichgesetzt werden, sondern als etwas Wachsendes mit verschiedenen Variablen, wobei er insbesondere die Kriegslage und die Entscheidungen zur Judenpolitik in Zusammenhang bringt.

Browning arbeitet dabei mit einer wissenschaftlichen Exaktheit seltener Güte und es gelingt ihm, trotz der vielen Fakten und Details einen roten Faden beizuhalten - auch mithilfe jeweils einer gelungenen Zusammenfassung am Ende jedes Kapitels.

Nach der Besetzung und Teilung Polens 1939 wurden die Juden in Ghettos getrieben und wirtschaftlich ausgebeutet. Juden sollten auf die Insel Madagaskar vertrieben werden. Als dies aus unterschiedlichsten Gründen scheiterte, kam es mit dem als Vernichtungskrieg angelegten "Fall Barbarossa" gegen die Sowjetunion zu einer erneuten Radikalisierung. Zunächst sollten dabei Juden gen Osten vertrieben werden, aber angesichts der militärischen Erfolge im Sommer und Herbst 1941 wurde die Massentötung nicht nur der sowjetischen, sondern aller im Machtbereich Deutschlands lebender Juden Europas beschlossen. Der Historiker arbeitet mit bisher unerreichter Qualität heraus, wie das Innensystem der Entscheidungen aussah: Kompetenzgerangel, Streitereien und vorauseilende Erahnung möglicher Befehle Hitlers. "Ohne Hitler kein Holocaust", soviel kann man dem Buch entnehmen, auch wenn Browning das nicht explizit erwähnt.

Ferner wird in diesem für die Holocaustforschung unverzichtbaren Buch beschrieben, wie Verbündete Hitler-Deutschlands sich aktiv und in unterschiedlicher Form an den Maßnahmen gegen Mitmenschen beteiligten.

Auf die Fortsetzung dieses magnum opus darf der Leser gespannt sein. Es wird zu sehen sein, ob Browning der These zustimmen wird, der Krieg sei von deutscher Seite nach erkennbaren Zeichnen der militärischen Niederlage nach 1943 auch und vor allem der "Endlösung" wegen fortgeführt worden.


Christopher Brownings "Die Entfesselung der 'Endlösung'" ist unverzichtbarer Beitrag zur NS-Forschung und auch für den historisch weniger Gebildeten gut zu lesen; dabei kommt der Autor ohne didaktischen Zeigefinger aus.

PK