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Erschienen
Man weiß von manchen mehr, bevor man sie kennenlernt - Arnim Töpel mit "Rechtzeitig gehen"
02/2004


"Als Kinder wollten wir alle älter werden – man ist erstaunt, wie schnell das gelingt!" Mit "sachfremden Erwägungen" hat sich der Kabarettist Arnim Töpel Mitte Januar in Hockenheim zurückgemeldet und damit einem Publikum, mit dem er seine gesamte Bühnen-Geschichte lang besonders verbunden war, sein neues Programm "Rechtzeitig gehen" vorgestellt: "Sie sind für mich ein ungewohnter Anblick", sagt der Ausnahme-Künstler, weil er in den letzten Wochen im leeren Pumpwerk geübt hatte – "das erste Mal, dass ich überhaupt auf einer Bühne geprobt habe". Ungewohnt war dabei tatsächlich die bisher nicht dagewesene Publikums-Ansturm - selbst hinter dem Tresen drückten sich ein paar trotz Stehplatz begeisterte Fans herum.

"Ich suche einen Mitbewohner", so widmet sich Töpel nach den beiden letzten Programmen "Sex ist keine Lösung" und "Ausgelacht" nun der Zukunft: Ein in Kürze frei werdendes verlassenes Dorf in Mecklenburg-Vorpommern will er zu einer gigantischen WG ausbauen – "Wir lassen einander in Ruhe und sind uns einig", lautet die Maxime unter den Hausordnungen für den Berufsrealisten ("Ich erwarte von anderen viel, aber rechne mit wenig"), eine andere: "Wer Pur hört, hat Kehrwoche". Deshalb sind die Auswahlkriterien für Mitbewohner natürlich hart: "Wer mit mir in ein Dorf zieht, der schlägt Erbschaften aus – zu klein!" Und natürlich nimmt Töpel nur Erwachsene mit: "Leute über 41, bei denen die Luft ein wenig raus ist". Eben Menschen, die "Ja, aber" nicht aus Prinzip sagen würden, sondern um Zeit zu gewinnen.

Nun, unsere Zukunft kann lang werden, bei der Lebenserwartung. Und sie macht nachdenklich. Wenn eines Tages die goldene Hochzeit erst die Halbzeit ist, man mit Spezialtattoos für die reife Haut und Faltenpiercings ausgestattet von Männern regiert wird, die ausschließlich von Frauen erzogen wurden, dann werden Eltern bereits am Einschulungstag mit dem Klassenlehrer über Hochbegabtenförderunge sprechen und vorsorglich schon mal die Karte ihres Anwaltes über den Tisch schieben – unsere Gegenwart ist längst ein hämisches Grinsen der Zukunft. Schließlich haben wir schon heute die Arbeit in weiten Teilen überwunden – "Ohne Mobbing wären wir zur Frühstückspause schon durch!" -und schließlich hat schon heute jeder Verwaltungsdirektor in einem Seniorenheim mehr zu entscheiden als der Bundeskanzler.

Um dieses Grundgerüst modelliert Töpel einen Abend von unglaublichem Genius und übertrifft sich dabei selbst. Er enttarnt Neid und Missgunst als die wahren Triebfedern gesellschaftlicher Bewegung, die am besten nicht mit Kritik, sondern mit Lob geschürt werden könnten, präsentiert das Fernsehen als Wahnsinn und das gemeinsame Ferienhaus mit Freunden als "Vorhof zur Hölle". Dazwischen setzt er seine berühmten Wortspielereien, spitz und unbarmherzig treffend: "Einkehren" sei die größte Stärke der Männer – "Einsehen übrigens nicht". "Jeder Vierte wird berufsunfähig – das ist nur die halbe Wahrheit, weil jeder Zweite ist berufsunfähig, und zwar von Anfang an". "Verunsichern sie ihre Mitmenschen: Sagen sie bitte und danke!" "Wir sind unser einziger Gegner – ein schwacher, wie die meisten von uns wissen". "Man weiß von manchen mehr, bevor man sie kennenlernt". So heizt er einer Gesellschaft ein, die sich chronisch unterschätzt und dauernd überfordert fühlt.

Es gibt ein mehrfaches Wiedersehen mit seinem alten Freund Bernd und einer Sprache, die mangels Umlauten Brötchen zu "Weck" machen muss. Viele kluge Ansichten zu Beziehungen und ihren Tücken in einer Zeit, in der es schwierig ist, einen Menschen zu finden, mit dem man mehr als eine Mahlzeit teilen möchte.

Töpel ist einer der wenigen, der noch wacker die Fahne des waschechten Kabarett verteidigt, der sich weitgehend den sinnentleerten Verlockungen des schnellen Comedy-Erfolges enthält und damit eine ganz eigene Kunstform geschaffen hat: Leise, nachdenklich meist, spricht er mit sanften Tönen eine harte Wahrheit aus, er findet die Pointe in den Widrigkeiten des Lebens und entfesselt sie in einer entwaffnenden Verschmitztheit, zielsicher, unausweichlich und mit Erfolgsgarantie – und das ganz ohne wilde Schenkelklopfer, dumme Sprüche und Beleidigungen.

Auch diesmal brilliert er dabei in der unnachahmlichen Nachdenklichkeit eines reifen Geistes, der seine "Hallole, isch bins, de Günda"-Zeit längst hinter sich gelassen hat: "Wirst du Freude bringen, wirst du Kummer sein und bei allem: Wirst du rechtzeitig gehen", so eines seiner zahlreichen neuen Lieder, unter denen sich auch wieder ein Mundart-Schmuckstück findet, "Es is net nur, wie du misch oguggsch!"


Und wie endet so ein Programm? Natürlich mit einer Polonaise "Auszug ins Paradies", mit der hintersinnigen Feststellung, dass dabei manch einer vielleicht gar nicht aufbrechen müsste, weil er längst angekommen ist und einem neuen Titel, der – nach "Irgendwie sind wir alle kleine Ärsche" und "Jeder mag Dich nur wenn Du schwach bist" zur neuen Töpel-Hymne avancieren könnte: "Du bist frei".