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Erschienen
Nachruf auf eine ehemalige Kulturstätte
02/2004
Der Hobbyfilmemacher Uwe Schlindwein hat mit seinem 63-Minuten-Streifen "No more Blues" den letzten Abend im Zähringer Hof dokumentiert

Schwetzingen. Gut ein Jahr ist es her, dass sich die Tore der Kulturbühne im Zähringer Hof schlossen. Die Konzession der Brauerei war ausgelaufen, und trotz verschiedener Rettungsversuche war am 11. Januar 2003 das Ende der alternativen Konzertbühne gekommen. Zum Abschluss hatten es die Verantwortlichen um Zähringerwirt Götz Junk noch einmal so richtig krachen lassen: Das Abschlusskonzert mit allen Bands, die den Zähringer Hof mitgeprägt hatten bzw. sich erst hier zusammengefunden hatten, hatte sich bis weit in den nächsten Morgen hingezogen. "Um sechs Uhr morgens habe ich die letzten Gäste verabschiedet", erinnerte sich Junk mit etwas Wehmut.

Eben jenen Abend hatte der Hobbyfilmemacher und Stammgast im Zähringer Hof, Uwe Schlindwein, mit der Kamera begleitet. Aus insgesamt zehn Stunden Filmmaterial hat er einen 63 Minuten langen Dokumentarfilm mit dem sinnigen Titel "No more blues" zusammengeschnitten, den er nun in der "Eintracht" der Öffentlichkeit präsentierte.

"Wenn ich mich hier so umgucke, sehe ich viele bekannte Gesichter - ein typisches Freitagspublikum," sagte Junk in seiner kurzen Einleitung zum Film. Den Zähringer bezeichnete er als "Kristallisationspunkt der alternativen Musikszene in Schwetzingen", und viele stimmten nickend zu, als er räsonierte, dass es einen vergleichbaren Ort wohl so schnell nicht mehr geben werde.

Als Hobby hatte 1998 das Kulturprogramm begonnen, und obwohl böse Zungen häufig von der "Pennerkneipe am Schlossplatz" sprachen, sei die Atmosphäre einmalig gewesen. "Da kamen Akademiker und Arbeiter, Leute die im Alltag wohl nicht all zu viel gemeinsam hatten, zusammen, machten gemeinsam Musik oder tranken einfach nur ein Bier", sagte Harry Mehnert, ehemaliger Bandleader der legendären Z-Band und gemeinsam mit seinem Partner neuer Pächter der "Eintracht".

Die Z-Band selbst war auch so ein Projekt, das wohl nie ohne solch eine Institution zusammengekommen wäre. Und Mehnert, der in dieser Zeit im Zähringer Hof gearbeitet hatte, ist seinem ehemaligen Chef und der Kneipe besonders verbunden. Viele hatten im Vorfeld ihr Kommen abgesagt, weil es sie emotional zu sehr geschmerzt hätte, betonte Junk, und auch er sei bei der Sichtung von Schlindweins Filmmaterial in depressive Stimmung geraten. Und das, obwohl der Abend, den Schlindwein dokumentierte, alles andere als depressiv abgelaufen war.

Mit einer Standkamera und einer mobilen hatte er sowohl das Geschehen auf der Bühne als auch die Stimmung im Publikum mit Fahrten durch die Menge eingefangen.


Kaum zu glauben, dass Schlindwein im Alltag als Sozialarbeiter bei der Wohnungslosenhilfe arbeitet, denn Kameraführung, Schnitttechnik und Bildunterschriften waren sehr professionell gemacht. Es ist Schlindweinsdritter Dokumentarfilm, und als dieser nach gut einer Stunde endet, erntet er verdientermaßen langanhaltenden Applaus, und mancher muss wohl im Stillen eine Träne verdrückt haben. Mit "No more blues" ist ihm ein sehr schönes Dokument gelungen und ein Nachruf auf eine einmalige Kulturstätte.

aus RNZ (Jan Herrmann)