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Erschienen
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!
02/2004
Gerster geht. Nach etwas weniger als zwei Jahren musste der ehemalige Vostandschef der erst unter seiner Regide zur "Bundesagentur für Arbeit (BA)" umgeschminkten Mammut-Behörde mit 90.000 Mitarbeitern Ende Januar seinen Hut nehmen. "Es wurde Zeit", mögen sich viele Beobachter gedacht haben, als Ursula Engelen-Kefer, das alte Schlachtross deutschen Gewerkschaftslobbyismusses und Trümmerfrau des Deutschen Gewerkschaftsbundes nach einer lange hinausgezögerten Sitzung des BA-Verwaltungsrates verkündete, dass das Vertrauensverhältnis mit dem Vorstandsvorsitzenden gestört sei und um dessen Ablösung gebeten wurde. Nur dreißig Minuten später schritt Wirtschaftminister Wolfgang Clement zur Tat und sägte den ehemaligen Reform-Star endgültig ab.

Dass mit Engelen-Kefer gerade ein Mitglied des SPD-Bundesvorstandes den BA-Chef schasste, mag all jene mit besonderer Genugtuung erfüllen, die damit auch Bundeskanzler Gerhard Schröder getroffen sehen: Der Obermanager der Deutschland-AG hatte im Februar 2002 höchstpersönlich den damaligen rheinland-pfälzischen Sozialminister Gerster als großen Zampano nach Nürnberg berufen - umso bitterer nun sein ungnädiger Abgang.
Dennoch bleibt auch bei den passionierten Gegnern des immer etwas borniert auftretenden entthronten BA-Regenten ein schale Beigeschmack: Wenn auch kein Zweifel darüber aufkommen kann, dass Gerster vor allem eine Skandal-Amtszeit hingelegt hatte (man denke nur an den angesichts massiver Leistungskürzungen bei den eigenen "Kunden" wenig sensiblen teuren Umbau der BA-Chefetage in Nürnberg, an den immer wieder gescholtene herrischen Führungsstil des BA-Oberen und natürlich an die Affäre um diverse offenbar nicht immer korrekt ausgeschriebene Beraterverträge), müssen doch auch die schärfsten Kritiker eingestehen, dass niemals zuvor ein derart erfolgreicher Reformer an der Spitze des Roten Riesen stand - die von Schröder geforderte "umfassende Modernisierung" der BA hat Macher Gerster in ungeahnter Aktivität und Zielstrebigkeit angepackt und dabei keine Rücksicht auf Verluste genommen. Kein Wunder also, wenn man in der Rückschau auf das unwürdige Ende konstatieren muss: Gerster wurde nicht nur Opfer seiner eigenen Überheblichkeit, sondern auch eines seiner Mitarbeiter, die mit seinem Reformtempo nicht schritthalten konnten.

Wie der Revisionsbericht zu den Beraterverträgen ans Licht gefördert hat sind es nämlich keineswegs die zwar nicht immer korrekten, aber auf keinen Fall skandalösen Beraterverträge, die Gerster das Genick brachen, sondern vielmehr eine durchaus kampagnenhaft gegen ihn arbeitende öffentliche Meinung. Hier hätte man gerade vom Chef der BA mehr Fingerspitzengefühl erwarten dürfen. Stil und Anstand, das bekommt die Klientel von den Beratern beim Arbeitsamt immer wieder eingebläut, sind die Grundvoraussetzungen für erfolgreiche Bewerbungen. Beides ließ Gerster schmerzlich vermissen. Wer von seinen oft arg gebeutelten "Kunden" verlangt, ein sauberes Hemd und eine höfliche Art als Türöffner zu neuen Jobs zu akzeptieren, darf sich auch selbst nicht aufführen wie die Axt im Walde.

Bleibt die Frage, wen man nun für den heißen Stuhl in Nürnberg vorschlagen soll. Gersters Stellvertreter, Finanzvorstand Frank Weise, der die Geschäfte einstweilen kommissarisch leitet, dürfte nach den Anschuldigungen, er habe für Gerster entlastendes Material zurückgehalten und damit die Demontage seines ehemaligen Mitstreiters aktiv unterstützt, nicht mehr zu den Traumkandidaten der Bundesregierung gehören. Alle anderen bislang gehandelten Experten haben angesichts des erbärmlichen Images und der schlechten Bezahlung in Nürnberg nur müde abgewunken. Es bleiben berechtigte Zweifel, ob Clements Apell an die Wirtschaft, man wolle "den besten Mann" für diesen Job, Früchte tragen wird: Kein halbwegs intelligenter Wirtschaftsboss wird sich freiwillig in die Fänge der BA-Krake begeben - dafür zahlen die Nürnberger zu wenig und dafür zeigen sich die Mitarbeiter zu reformresistent.
Befürchten muss man angesichts des Scheiterns von Florian Gerster allerdings, dass die gerade eben erst in leichte Bewegung geratene Bundesagentur zur beschaulichen Art der Ära Bernhard Jagodas zurückkehrt: Sich selbst verwalten und Statistiken frisieren kann ja auch eine anstrengende Aufgabe sein. Geholfen ist damit weder den weit über vier Millionen Arbeitslosen, noch der Bundesregierung.

Ob der allerdings überhaupt zu helfen sein wird, muss angesichts des um sich greifenden Reformwahns allerdings ohnedies angezweifelt werden: Was der Chaos-Truppe um Gerhard Schröder am meisten zu fehlen scheint, ist ein klares und durchdachtes Konzept. Da schießt man eine Gesundheitsreform in den Markt, die zwar schick daherkommende Praxisgebühren mitbringt, die aber vom ersten Tag an derart unausgegoren wirkt, dass einem "Trial and error" als einzige Motivation in den Sinn kommen mag. Tragischerweise ist die Bundesrepublik mit ihren massiven strukturellen Problemen kein geeignetes Versuchsfeld für politische Experimente - in der Beta-Version läuft dieser Staat nicht wirklich rund.
Weiteres Indiz für kopflosen Aktionismus bot gerade in den letzten Tagen dann die wenig ruhmreiche Streiterei um die Reform der Pflegeversicherung, die mal kommen soll (GEsundheitsministerin Ulla Schmidt), dann lieber doch nicht (Bundeskanzler Gerhard Schröder) und dann am Ende vielleicht doch (die Grünen). Merke: Affentheater mag eine lustige Sache sein, ist auf Dauer aber doch auch langweilig und beschert katastrophale Umfragewerte.

Kein Wunder also, wenn sich die meisten Bundesbürger inzwischen nach prominentem Beispiel verängstigt brüllen "Ich bin ein Deutscher, holt mich hier raus". Manch ein eigentlich braver Mitbürger wünscht sich schon Dschungelkönig Costa Cordalis ins Berliner Kanzleramt: Wenn dafür Schröder und sein Chaotenverein in den australischen Dschungel geschickt werden, soll auch ein Außenminister Daniel Küblböck recht sein. Und für eklige und menschenverachtende "Dschungelprüfungen" würde bei solcher "Starbesetzung" sicherlich niemandem die Phantasie fehlen.


So einfach wird es aber sicherlich nicht werden. Ganz im Gegenteil. Gegen die im irren Wahn vor sich hinwerkelnden Politiker aller Couleur helfen weder Schlangen noch Kakerlaken. Denn: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!