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Erschienen
"Sie sind Hannah, ich bin Maude" - ImPuls-Theater im "Pumpwerk"
03/2004
"Ich will ihre Intensität nicht, ihren Gefühlsüberschwang. Wir sind hier nicht irgendwo, sondern am begnadetsten Ort auf dieser Erde – wir haben das Recht, Abstand zu halten!" Wie ein Fels in der Brandung steht sie da und verteidigt ihr spießiges kleinbürgerliches Leben zwischen selbst gerösteten Kaffeebohnen und einem völlig verplanten Alltag: Maude, Prototyp der braven Hausfrau, ist eine der beiden Protagonisten des Zwei-Frauen-Stücks "Hannah und Maude" aus der Feder des amerikanischen Schauspielers und Autors John Ford Noonan, das vom Mannheimer "ImPuls-Theater" Anfang Februar auf die Bretter des Hockenheimer Kulturzentrums "Pumpwerk" gebracht wurde.

Ihr Antagonist Hannah ist ebenfalls auf das Modellhafte vereinfacht, eine schrille, hektische junge Frau, die sich ohne Rücksicht auf Verluste ins bisher so beschauliche Leben Maudes einmischt, es unerbittlich durcheinanderwirbelt und allen schönen Schein zerbrechen lässt. Hannah schnüffelt herum: Im Kalender, an den Unterhosen. Dabei ignoriert sie beständig die Ablehnung ihrer neuen Nachbarin – "Unsere Nachbarschaft hat keine Zukunft" überhört sie mit einem "Wir feiern heute den Geburtstag von ihrem Eintritt in mein Leben" ebenso unbeirrt, wie Maudes "Sie sind Hannah, ich bin Maude – belassen wirs dabei".
Letztlich gelingt es der Invasorin, die Fassaden niederzureißen: Maudes Ehemann Tobias vergnügt sich mit Sekretärinnen, Hannahs Lover Carl-Johann macht sich an die neue Nachbarin heran. Trotz aller Versuche gelingt es der Geradlinigen angesichts dieser Angriffe nicht, ihre Scheinwelt zu retten: "Gestern war Mittwoch, heute ist Donnerstag – meine Ordnung ist wiederhergestellt" entpuppt sich als hohle Phrase, die in einem Freudentaumel zerbirst und sich in einem exzentrischen Ausflug ins "pralle Leben" entlädt – "Ist das schon lange her, dass ich in die Dinge anderer Leute verwickelt war!"

Als die zuerst so zwängliche Maude schließlich achtlos ihre bislang so ordentlich aufgereihten Bücher durch den Raum kickt, ist die Metamorphose geschafft: Betrunken an Sekt und am Leben starten die beiden in ein scheinbares neues Dasein, das allerdings – unabwendbare Schlusstragik – schnell wieder einer eigentlich noch tristeren Realität weichen muss. Maude "scheißt" jetzt zwar auf "Schöner Wohnen" und will den Rest ihres Lebens "nur noch der Verführung anderer Menschen widmen", doch Hannah wird von eben diesen abgefischt: Carl-Johann hat gekocht und die Wohnung gewienert und damit die vermeintlich seelenverwandte Hannah wieder auf seine Seite gezogen: Maudes "Gott sei Dank habe ich Dich" zerschellt an einem fast unterkühlten "Aber Carl-Johann hat das Essen fertig".

In sechs Viertelstundenepisoden charakterisiert "ImPuls" das Psychogramm einer Beziehung, die den Charakter der Verlockung und Verführung immer in sich trägt.
Dabei wurden die beiden Darstellerinnen der großen Herausforderung, die das "lustige Drama" an sie stellte, durchweg gerecht. Tina Thoma gab die oft verstockte Maude mit einer beeindruckenden Beiläufigkeit; den sukzessiven Persönlichkeitswechsel vollzog sie beeindruckend nach, wenngleich ihr das ausgelassene Irresein des zweiten Teils nicht auf den Leib geschrieben zu sein schien.

In Hockenheim bestens bekannt Susanne Kraus, die in der Rolle der Hannah sichtlich aufging: Die hektische, schrille Persönlichkeit, das exzentrische, hypomane Getue der Neunachbarin setzte sie in authentischen Wahnsinn um.
Dabei muss man stets bedenken, dass der Vorlage – bei allen Entamerikanisierungsversuchen des Regisseurs Albrecht Gottschall – der typisch überseeische Habitus innewohnt: Nur US-Autoren können Personen so ungeniert überzeichnen, nur im amerikanischen Kontext wirkt eine derart übersteigerte hystrionische Machart glaubwürdig.


Dadurch begibt sich das ImPuls-Theater durchaus in die Gefahr, missverstanden zu werden. Manches enthemmte Lachen im Publikum mag symptomatisch dafür sein, dass der Zuschauer allzu leicht der Verführung erliegt, das scharf geschnittene Tragische im Stück mit den vielfältig angebotenen Absurditäten zu übertünchen.



In gleicher Besetzung ist das Stück am 26.03. im Jugendhaus "Jump" in Walldorf zu sehen. Weitere Informationen im Internet unter http://www.theater-impuls.de.