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Erschienen
Zwischen Beatles, Bach und "Star sprangled banner": Matthias Deutschmann
03/2004
Zu einem ganz persönlichen mentalen Stammtisch traf sich Anfang Februar Matthias Deutschmann mit seinem Publikum im Hockenheimer "Pumpwerk", dem bis auf den letzten Platz gefüllten "Biotop des Lachens": Im lockeren Gespräch plauderte man über Weine und Weltpolitik, über Bosse und Proleten und der Bühnenheld streute dazwischen noch einige Klänge auf dem Cello – "Kabarett mit Kultur zwischen den Beinen, darauf stehen die Zeit-Leser".

Deutschmann präsentierte mit "Streng vertraulich" ein Programm, das weder das Risiko scheut – immerhin ist es schwer, einen Kriegsgewinner zu kritisieren -, noch die so beliebte Masche auf der Strecke lässt: Auch diesmal laviert sich der Kabarettist durch den Abend, dass bisweilen der Eindruck entsteht, der Mann habe zu Beginn eigentlich keine Ahnung, was er am Ende gesagt haben wollen wird – ganz schön kompliziert und in jedem Falle von einer Machart, der das Gehirn kaum Widerstand zu leisten im Stande ist. Diesen Improvisationsstil, der vor allem dem Publikum breiten Raum belässt, hat er einstens vom "Wirtschaftswunder"-Mimen Wolfgang Neuss übernommen.

So ist er ein Getriebener auf seiner eigenen Bühne, einer, der stets schwankt zwischen Unterhaltung der Anderen und Befreiung seiner Selbst; auf diesem Weg geht der Mann der ungewöhnlichen Gedankenübergänge über thematische Leichen ohne jede Rücksicht auf irgendwelche Verluste – aber niemals bis zum Letzten: Für Deutschmann ist auch unter dem Diktat des Kabarett nicht alles erlaubt und er schließt sich nicht den Kollegen an, die sich unter dem Deckmantel der Kunst mit Beleidigungen über Wasser halten müssen.

Ganz im Gegenteil hat er manchmal "Mitleid mit dem Personal" – man könnte fast an seine menschliche Seite glauben, wenn nicht auch mit diesem Spruch wieder nur eine seiner niveauvollen Pointen verbunden wäre.

"Warum erzähle ich ihnen das?" Vielleicht um klar zu machen, dass hier zwischen Angela Merkel (als "Grabsteinplattenengel der CDU") und Dieter Bohlen (als "Reichspopführer – und nirgends ein musikalischer 20. Juli in Sicht") noch ein echter Kabarettist auf der Bühne steht, einer, der wert ist, dieses Prädikat zu tragen. Wenn "German comedy seems to be the answer of the english way of cooking", dann ist er der Paul Bocuse des Kabarett. Oder zumindest der Johann Lafer, wie er selbst wahrscheinlich einwenden würde.

Dabei ist er unglaublich aktuell: Den Wechsel an der SPD-Spitze hin zum "Sozialmephisto" Müntefering verarbeitete er ebenso, wie die Versuche der Bundesregierung, das riesige Mautloch ("Wir regeln den Schiffsverkehr am Horn von Afrika und schaffen es hier nicht, ein funktionierendes Maut-System zu installieren") mit dem "Begrüßungsgeld" beim Arzt zu stopfen und die jüngste Affäre in Bayern, wo man schon Angst haben musste, dass ein Gerichtsvollzieher die Familiengruft öffnet und Gunter von Hagens ruft - "Der alte Strauß als Aufschnitt durch die Lande geschickt, um dem Jungen die Steuerschulden zu zahlen!"

Gegen die Amerikaner, die sich verstärkt wundern würden ("wir haben doch die Komponenten geliefert, warum sind jetzt die Waffen nicht da?") weiß er manche gezielte Salve abzusetzen, ebenso gegen "Der-mit-der-Brezel-kämpft" Bush: "Wer Hightech-Gotteskrieger mit Koran-Software ausstattet, kann die gleichen Probleme bekommen, die wir von Windows kennen". Fischer wird für seine "Diplomatische Knautschzone" belächelt, Schilly für seinen gedanklichen Looping ("Beim Älterwerden dunkelt man nach").

Vor allem aber überzeugte Deutschmann mit einem fast unglaublichen Geschick für geistreiche Ausflüge an die Grenzen des Verstandes – für viele von uns ja nur ein Kurztrip, für ihn aber der ultimative Beweis, eben gerade kein "Discount-Adorno" oder "Aldi-Habermas" zu sein: "Haydn muss Pazifist gewesen sein, denn er hat einen Stolperstein in die Hymne eingebaut – damit können sie in kein Land einmarschieren!" Aber selbst auf diesem Gebiet seien die Deutschen zwar etwas aus der Übung, aber keinesfalls aus dem Geschäft. Allerdings könne man sich schon vorstellen, wie der – auf Wunsch der "Grünen" – "Käthe Kollwitz" benannte deutsche Flugzeugträger vom Stapel laufen würde: "Ich seh schon Claudia Roth, wie sie mit der Champagnerflasche gegen die Bugwand knallt – weil sie nicht loslassen kann".

Dennoch wäre es fast erbärmlich, wie man sich hierzulande die Frage nach dem größten Deutschen stellen würde: "Beethoven oder Becker? Kammermusik oder Besenkammer?"


So wurde aus "Streng vertraulich" ein Abend "mit Workshop-Charakter" - zwischen Beatles, Bach und "Star sprangled banner", zwischen Kreuzfahrt und Kreuzzug und keiner war verwundert, als das Publikum am Ende vom seinem "Recht auf Nötigung" gebrauch und dem Kabarettisten den Abgang nicht leicht machte: "Ich kam als Kabarettist und gehe als Mensch – bei ihnen ist es umgekehrt!"



Weitere Informationen im Internet unter http://www.matthiasdeutschmann.de.