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Anonyma
Erschienen
Eine Frau in Berlin
Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945
03/2004
Eichborn GmbH & Co Verlag KG, Frankfurt/M.
300 Seiten
Zehn Wochen im Leben einer jungen Frau, anonym geschrieben und dennoch ein Buch, ein Tagebuch, das man nicht so schnell vergisst. Die Tagebuchschreiberin verarbeitet darin ihr Leben im Berlin des Frühlings 1945. Auf der Zeitachse lassen sich im Rückblick drei Phasen erkennen: Die erste Woche im Luftschutzkeller, das Warten, die Furcht vor dem russischen Einmarsch. Danach folgend die Zeit der "Katastrophe" wie es die Autorin nennt: Massenvergewaltigungen, Zwangsprostitution, Schändung. Die letzten Wochen der Tagebucheintragungen markiert den Versuch zur Rückkehr in etwas, das man "Normalität" zu nennen versucht ist.

Die Unmittelbarkeit der Tagebuchform ermöglichen dem Leser einen tiefere Einblick in die Zeit des Kriegendes, als das Fernsehedokumentationen oder Geschichtsbücher vermögen, die allesamt im Rückblick und aus der Perspektive des allwissenden Erzählers allzu oft oberlehrerhaft wirken.
Darüber hinaus besticht das Buch durch seine breite Vielfalt an Themen, die gestreift werden: Kulturgeschichte, Alltag, Gesellschaft, Politik, Geschlechterverhältnis, Anthropologie. Dass Russen Deutsche in der Alltagssprache "Njemze", die "Stummen" nennen, erfährt der Leser ebenso, wie die Vorliebe von russischen Soldaten C&A-Werbe-Schellackplatten zu hören und dabei zu tanzen.

Dennoch darf diese fast liebenswürdig wirkende Schrulligkeit nicht über das bittere und fast illusionslos vorgetragene Hauptthema der Tagebucheintragungen hinwegtäuschen: Die Schändung von Frauen und die sexuelle Gewalt der Sieger. Die Autorin, selbst Opfer, differenziert dabei verschiedene Typen russischer Männer. Solche von roher animalischer Gewalt, Soldaten, die verliebt in die junge Frau waren und von Offizieren, die gebildet daherkamen und mitteleuropäische Höflichkeitsformen innehatten. Dabei verschwimmen mit der Zeit Vergewaltigung, Prostitution zur Anschaffung von Lebensmitteln und das Ziel, einen Offizier zu ergattern, welcher den Damen Schutz und existentielle Sicherheit gewähren könnte.
Mit anthropologischer Genauigkeit beschreibt die "Frau in Berlin" die Physiognomie ihrer Beischläfer und die Vorliebe der Russen für korpulentere Damen - und deren innere Scheu vor dem vielen Treppensteigen (da die meisten Soldaten vom flachen Land kamen und mehrgeschossige Häuser selten kannten). Die an eine Beobachterrolle erinnernden Details haben Anonyma bisweilen der Vorwurf eingebracht, sie sei eotionslos und abgestumpft. Tatsächlich erscheint gerade darin ihre ganz besondere Autentizität zu liegen. Besipeilsweise wenn sie den "Uhrentick" der Besatzer damit erklärt, dass eine Uhr in der Sowjetunion nur verdiente Kommunisten erhielten und dadurch die meisten der jungen Soldaten zum allerersten Mal eine Uhr zu Besitz bekamen: Durch Diebstahl als Triumphatoren über Hitlerdeutschland.

Politik und die Ereignisse, welche in der historischen Rückschau auf die nationalsozialistische Zeit als zentral angesehen werden, streift Anonyma dagegen nur am Rande und erwähnt sie allenfalls mit ein paar Bemerkungen. Der Mord an den Juden Europas oder das Ende des Krieges am 8. Mai 1945 - dies spielte beim täglichen Kampf ums Überleben fast keine Rolle.
Wie wenig die Menschen im Nachkriegsberlin über die politische Absichten der Alliierten wussten, zeigt die Tatsache, dass sich im Mai/Juni 1945 viele Flüchtlinge aus den Ostgebieten aufmachen wollten, um in die "verlorene Heimat" zurückzukehren. Wie Krieg dabei zu emotionalen Ausnahmezustände führt, zeigt unter anderem der Umgang mit Toten. Gab es in Vorkriegsjahren heftige Diskussionen unter Hausgemeinschaften, ob ein Haustier im Garten beerdigt werden durfte, kümmerte es wenig, dass Leichen und einige umherliegende Körperteile ehemals lebendiger Menschen im zerbombten Grünbereich abgelegt wurden.

Die Gleichzeitigkeit von eigentlich Ungleichzeitigem im menschlichen Sein schildert die Autorin im gegenseitigen Miteinander. Einerseits Hilfsbereitschaft, Zusammenstehen, Teilen in Großstädten, welche damals wie auch heute in den Bezirken konzentrierten Nichtkennens eine Ausnahme bilden, aber gleichzeitig Missgunst, Neid und Denunziation unter den Mitgliedern der Haus"gemeinschaft".

Nicht nur das Geschlechterverhältnis zwischen deutscher Frau und russischem Mann, sondern auch das Verhältnis menschlicher Beziehungen innerhalb der Berliner Bevölkerung werden aufgezeichnet. Die Tagebuchschreiberin sieht im Krieg eine Niederlage des deutschen Mannes als Geschlechtsgenossen und beschreibt, wie schwer es den Ehemännern, den Lebenspartnern der geschändeten Frauen, fiel, eine Beziehung überhaupt aufrecht zu erhalten. Viele Frauen wurden von Ihren Lebensgefährten verlassen, wenn diese erfuhren, was geschehen war. Auch dieses Schicksal erlitt die "Frau in Berlin".

Wer war diese Frau? Es war ausdrücklicher Wunsch der Tagebuchschreiberin, dass ihre Aufzeichnungen erst nach ihrem Ableben anonym veröffentlich werden sollten. Dies hatte zwei Gründe. Zu einem wollte die Autorin anhand ihrer Erlenbisse Schicksale schildern, welche massenweise in dieser Zeit geschahen und die Vorkommnisse in den Vordergrund stellen, nicht die eigene Person. Zum anderen machte die Autorin Ende der 1950-er Jahre negative Erfahrungen, nachdem das Tagebuch in einem kleinen Verlag bereits vorab erschienen war und sie als "Nestbeschmutzerin der Ehre der deutschen Frau" beschimpft worden war. Aus dem Buch geht hervor, dass Anonyma zum Zeitpunkt der Tagebuchaufzeichnungen anfang 30 und im Verlagswesen tätig war, in Vorkriegsjahren durch die Länder Europas reiste und dabei auch ein wenig Russisch lernte, was später ihr Leben unter russischer Herrschaft um einiges erleichterte.

Dass eine renommierte Tageszeitung aus dem süddeutschem Raum auf Recherche über die "Frau in Berlin" die Anonymität der Autorin aufhob und Name, Lebensdaten und beruflichen Werdegang veröffentlichte, zeigt, wie übel es - bei aller Neugierde - um den Respekt und die gegenseitige Achtung in unserem Gemeinwesen bestellt ist.


"Anonyma. Eine Frau in Berlin" besticht durch seine atmosphärische Vielfältigkeit und reduktiver Sprache. Kein Wort ist zuviel, kein Selbstmitleid kommt auf und dennoch - oder gerade deswegen - entwickelt es sich zu einem unentbehrlichen Bericht für den geschichtsinteressierten Leser.



Ebenfalls beim Eichborn-Verlag ist auch eine ledergebundene Sonderedition zum Preis von € 75.- und ein Hörbuch zu € 25.- erschienen