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Erschienen
Dosenmaut und Gurkenlaster - Deutschland Ole!
03/2004
Was für ein Land: Jede Wahl bringt neue Helden hervor, doch kurze Zeit später sind die Superstars schon Auslaufmodelle.

Jüngstes Beispiel: Die Wahl der Hamburger Bürgerschaft am letzten Sonntag im Februar. Gerade hat sich die Nation aus dem Narrentaumel der Fasnacht erholt, knallen schon wieder die Korken. Zumindest bei der CDU, die sich selbst und den Sieg des Ersten Bürgermeisters von Hamburg, Ole van Beust, frenetisch feiert – das beste Wahlergebnis seit Kriegsende für die Union. In einem Federstrich hat man damit auch den inzwischen ungeliebten Ronald Barnabas Schill zum Teufel gejagt. Wer wollte da noch daran denken, dass man vor zwei Jahren im Schill-Taumel den Rechtsaußen noch zum damaligen Helden erklärt hat und ganz gern mit ihm ins Koalitionsbett gestiegen ist – und das darf jetzt angesichts der sich anschließenden Schmierenkomödie nicht falsch verstanden werden: Wir sind hetero, schwul, lesbisch, transsexuell oder was auch immer – und das ist gut so!

Gleichzeitig bescherten die Hanseaten ihren so lange unangefochtenen stadteigenen Sozis das schlechteste Wahlergebnis seit sechzig Jahren. Das produziert einen neuen Shooting-Star. Natürlich. Wer im kühlen Norden fast die Hälfte der Wähler für sich gewinnen kann, der muss ein Supertyp sein. Schon wird die Wahl zum großen Stimmungstest für die Nation stilisiert. Da müssen natürlich auch weiterführende Fragen laut werden. Wäre der blonde Sonyboy von der Alster nicht auch was für die "Kanzlerwaschmaschine" an der Spree? Der nächste Kanzler wieder ein ehemalige Hamburger Spitzenpolitiker? Damit hat man ja mit Helmut Schmidt durchaus gute Erfahrungen gemacht: Der Kanzler war vor seiner Zeit als Bundeskanzler Innensenator der Hansestadt.

Nach einem neuen Kanzler werden die Rufe zumindest immer lauter. Zwar mögen sich noch nicht allzu viele Deutsche der Forderung der FDP nach sofortigen Neuwahlen anschließen, aber das Abschneiden der Freidemokraten in HH und ihr Scheitern an der Fünfprozenthürde hat ja einmal mehr unter Beweis gestellt, dass die Liberalen längst keine wirkliche Bürgermasse mehr hinter sich haben. Trotzdem weht den Genossen ein steifer Wind ins Gesicht.

Schuld daran nicht zuletzt der krasse Irrsinn in Sachen "LKW-Maut". Mit diesem sicherlich größten Desaster sozialpolitischen Regierungsblindflugs hat Gerhards Chaotentruppe die Nation den ganzen Februar in Atem behalten. Erst die "Eselsgeduld" des Bundesverkehrsministers, der sich selbst zum "Trottel" erklärte. Dann das für den Wirtschaftsstandort ruinöse Versagen der Großkonzerne Daimler-Chrysler und Deutsche Telekom, die ganz offenbar nicht genügend Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hatten. Oder stand hinter dem peinlichen Nachbesserungsvorschlag der Wirtschaftsriesen gnadenloses Kalkül? Natürlich hatte man die Erfahrung gemacht, dass man die Bundesregierung ja problemlos an der Nase herumführen kann. Warum dann nicht den Versuch unternehmen, den Staat nach Strich und Faden abzuzocken?! Keine Frage: Ein Konzer, der gerade zig Milliarden für den Ankauf eines maroden Ladens wie Chrysler verjuxt hat, der hätte ganz gediegen die notwendigen Milliarden für die Entwicklung der Maut aufbringen können. Letztlich haben die Firmenbosse das auch eingesehen – aber nicht auf Druck der Bundesregierung, wie man das eigentlich hätte erwarten dürfen. Vielmehr haben Spott und Hohn aus In- und Ausland an der Ehre von Daimler-Chef Jürgen Schrempp und Telekom-Manager Ricke gekratzt. Auslachen lassen wollten sich weder der Ein-Sterne-Manager, noch der Mann mit dem großen T. Also hat man doch noch einmal nachgelegt und – wie zur Abmilderung der SPD-Niederlasge in Hamburg – Kanzler Schröder konnte am Wahlabend noch ein erstes Ergebnis eines Spitzengesprächs mitteilen.

Die Maut hat Bundesgerhard zur Chefsache erklärt – er hat ja nun auch mehr Zeit, nachdem er der eigenen Partei die Brocken vor die Füße gekotzt und den Vorsitz an SPD-Mephisto Müntefering abgetreten hat. Bleibt allerdings die Frage, für was man unter solchen Umständen noch einen Bundesverkehrsminister braucht. Stolpe hat sich nicht nur als unfähig erwiesen. Er wirkt auch müde. Man sollte dem armen Mann seine Ruhe lassen – "IM Maut" hat doch lange genug den Reden von Politikern, Managern und ganz normalen Leuten "gelauscht" (ein Schelm, wer Böses dabei denkt).

Die Einführung der Maut hat mit dieser Einigung endlich wieder den Stellenwert bekommen, den sie verdient: Mit der Absahne beim Schwerverkehr werden auch weit über die Staatsfinanzierung hinausgehende gesamtgesellschaftliche Aufgaben erfüllt. Wer weiß, ob unser aller heultechnischer Dschungelkönig und "Deutschland sucht den Supersäckel"-Held Daniel Küblböck nicht doch noch seine ersten 100000 Autokilometer ohne Führerschein geschafft hätte, wenn der Schicksalslaster mangels monetärer Masse in der Garage geblieben wäre. Also hat es im Grunde die Bundesregierung zu verantworten, dass Daniel den geliehenen blauen Opel Astra in einer sagenhaften Amokfahrt zerlegt hat. Aber mach Dir nichts draus, lieber Küblkrächz: Auch wirklich gute Fahrer haben schon Schrott produziert. Gut, Schumi darf fahren, wenn er sich hinters Steuer setzt, aber halt es doch einfach mit der klassischen Devise: Was leckt es den deutschen Superstar, wenn ein Verkehrspolizist sich an ihm reibet!
Bemerkenswert finden wir allerdings die fast schicksalhafte Vorsehung, die Daiel ausgerechnet diesen Unfallgegner beschert hat. Heiner Lauterbach wäre sicher gegen einen Beate-Uhse-LKW gerast, Gottschalk hätte einen Gummibären-Laster gerammt und Michel Friedmann das illegale Gefährt einer Menschenschleuserbande mitsamt 20 hinterrussischen Prostituierten. Frei nach dem Motto "Jedem Tierchen sein Pläsierchen" hat sich Daniel deshalb ganz treffend einen Gurkenlaster ausgesucht - wenn das keine Botschaft enthält!


Also bleibt uns nach der Aufsicht auf den Februar auch in diesem Monat wieder die spannende Aussicht auf tolle Tage im weltgrößten Irrenhaus Bundesrepublik: Darauf trinken wir einen!

Deutschland Ole!