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Erschienen
Der Typ von nebenan weiß, dass er nichts weiß - Stephan Sulke ist 60
04/2004
"Sechzig Jahre überlebt und dreißig Jahre deutsche Lieder – das muss man feiern, oder sich erschießen!" Der das sprach, war einst eine gefeierte Bühnengröße, als man mit Titeln wie "Uschi mach kein Quatsch" noch Massen beeindrucken konnte und die frenetischen Fans stundenlang um Karten anstanden. Die Zeiten der Neuen Deutschen Welle sind längst vorbei, doch Stephan Sulke hat nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt, wie er bei seinem Konzert zur neuen LP "60" Mitte März im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" vor vollem Haus und begeistertem Publikum unter Beweis stellte: "Ich bin 60 geworden und – das hältst Du im Kopf nicht aus – es hat sich nichts geändert".

Heute hat er sich eingerichtet in seiner Ecke, irgendwo zwischen Liedermacher, Pop und Schlager seinen ganz eigenen Stil verinnerlicht und – nachgedacht. Zwar sieht Sulke selbst seine musikalischen Wurzeln beim brasilianischen Pianisten Antonio Carlos Jobim, doch kann er diesem allenfalls seine Melancholie entlehnt haben: Das schlitzohrige Lachen über die Vertracktheiten des Lebens und sein nachdenklicher Habitus, der sein ganzes Schaffen durchwirkt, finden ihren Ursprung in der eigenen Lebenserfahrung, die durchaus so manche Verwerfung aufweisen kann. Dennoch ist Stephan Sulke nicht der Mann für "die philosophische Diskussion im Qualm von Zigaretten", sondern, wie er selbst in seinem Anfang der Achtziger erstmals aufgenommenen Titel "Der Typ von nebenan" ins Pumpwerk hinaussang, einer, der "weiß, dass ich nichts weiß".

In dieser bescheidenen Grundhaltung ein multiprofessioneller Denker, der sich bereits als Musik-Produzent, Architektur-Berater, Autor, Bildhauer und Maler versucht hat, sinnierte Sulke das gesamte Tournee-Gastspiel lang über das Leben und seinen Sinn.

Dementsprechend waren seine Lieder eine spannende Mischung aus Dur und moll.
Auf der einen Seite waren da die (selbst)ironischen Betrachtungen. Wenn der morgendliche Blick in den Spiegel erschreckt, aber "wenn ich mir die anderen so anschaue, bin ich wieder beruhigt" - "Wenn einer nun einmal vom Herrgott so’n Gesicht bekommen hat, dann hat er einfach Pech gehabt und wundern darf er sich dann nicht". Wenn er einen musikalischen Streit inszeniert, den alle Welt schon einmal erlebt hat. Wenn er die Last des dolce vita ohne "Sauerstoffbenutzungsschein" auf die Schippe nimmt. Und natürlich unsausweichlich, wenn sein einstiger Gassenhauer "Uschi" sich zu "Luise Meiers Dekoltee" gesellt und zusammen so ein "Bruddeldiddeldaddeldings" wird – "Du weißt schon, was ich meine".

Dicht an dicht mit diesem fast heiter wirkenden Allerlei drängten sich schwermütig-nachdenkliche Lieder mit Melancholie und – inzwischen – Retrospektive. Dann singt Sulke "von einem, dessen Leben nichts besonderes ist", lässt seinen unvergesslichen "Tommy" als "Kind, wie Kinder nunmal sind" wiederauferstehen und nimmt Hilde Domins "Unaufhaltsam" in seinem verträumt-süßlichen "Worte" auf. Ebenso poetisch und berührend: "Hilf mir". Damit erzeugte er eine atmosphärische Dichte, der sich niemand im Publikum entziehen konnte.

Sein Konzert in Hockenheim war ein erstauntes Wiedersehen. Sulke kann mehr denn je "das Herz zu Brei zerwühlen", kann aufrütteln, wachküssen. Bedauerlich dabei allenfalls, dass der Meister das an einem eher peinlich wirkenden Keyboard getan hat und viel zu selten am Flügel, wo seinen Titeln gleich viel mehr Kraft und Spannung innewohnte.


Stephan Sulke ist einer, der nichts in schöne Verpackungen hüllt, der ganz im Gegenteil dem Leben in seiner vollen fröhlichen, schmierigen, tragischen und herrlichen Bandbreite in einem ganz charakteristischen Singsang seinen Lauf lässt. Wo andere allenfalls unterhalten wollen, transportiert er inzwischen vor allem ein Stück Lebenserfahrung: "Ich machs wieder und ich mach jeden Fehler noch einmal".



Nähere Informationen im Internet unter http://www.stephansulke.com