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Erschienen
Es klingt ein wenig so, als ob Ehrhardt Schröder schon gekannt hätte
04/2004
Er war Willi Winzig – doch nie kleinlich. Humorsoldat in Aufbruchzeiten. "Er war ein Typ der Massen". Mit ihrem als Revue angekündigten Programm "Heinz!" haben die vier Comedians Volkmar Staub, Günter Fortmeier, Frank Sauer und Florian Schroeder Mitte März einen sehr persönlichen Geburtstagsgruß zum 95. des beliebten Entertainers, Dichters, Schauspielers und Komikers Heinz Erhardt auf die Bühne des Hockenheimer Kulturzentrums "Pumpwerk" gebracht. Der Mann, der einstens mit Theo Lingen und Peter Frankenfeld die Massen bezauberte, sei "im Witzestemmen ein Schwergewicht gewesen" (siehe auch "Zur Person" weiter unten).

Das besondere Risiko, das damit verbunden ist, unter einem so bekannten und nach wie vor äußerst beliebten Namen zu firmieren, haben die vier Bühnenakrobaten nur teilweise unbeschadet überstanden. Richtigerweise haben sie sich nicht an einen reinen Rezitationsabend gewagt – zu übermächtig erscheint das Format des einstigen Superstars, dem man mit bloßer Neuauflage nicht gerecht werden kann. Also hat man sich dafür entschieden, einen Abend lang zahlreiche Ehrhardt-Pointen mit Selbstgemachtem zu einem neuen, wenn möglich schmackhaften Cocktail zu mixen.

Dabei kommen die vier Akteure durchaus mit gediegenen Talenten daher: Fortmeier ist ein begnadeter Pantomime und kann mit Schattentheater Massen begeistern, Frank Sauer hat sich einen guten Ruf als Wortverdreher und Satzverbieger gemacht, Volkmar Staubs Leidenschaft ist hintersinniges Kabarett vom Feinsten und Florian Schroeder ist ein Parodist, bei dem die Originale sich bisweilen ihre Marotten abschauen müssen.

Gute Voraussetzungen also, um Deutschlands dicken Liebling aus dem ollen grauen Anzug zu treten und in ein neues Gewand zu stecken.

Trotzdem ist eben hier das Problem zu finden: Heinz Ehrhardt eignet sich nicht für eine Neuauflage in Allerwelts-Comedy. Dafür sind seine auf den ersten Blick so platt wirkenden Witze viel zu niveauvoll, viel zu fein, viel zu unerreichbar.

So wurde aus dem Zwei-Stunden-Programm eine Höllenfahrt mit bemerkenswerten Höhen, vor allem aber unergründlichen Tiefen und die versuchte "Kalauer-Gala" verkam passagenweise tatsächlich zur "Witz-Hungerhilfe".

Die eingestreuten Erhardt-Gedichten (legendär das "Nasshorn" oder sein Klassiker "Die Zähne") versuchten die Vier in einen eigenen Rahmen einzuarbeiten, haben es dabei bedauerlicherweise mit den Übertreibungen aber gewaltig übertrieben. Und das bei durchaus guten Anlagen. Als besonderem Pfund konnte man dabei mit dem Youngster der Truppe wuchern: Florian Schroeder ließ in "Schimpfe nicht" die richtigen Personen das Gedicht einem Staffellauf gleich gemeinsam aufsagen: "Schimpfe nicht auf Sozialisten (Gerhard Schröder) - oder auf Nationalisten (Angela Merkel) - oder gar auf Klerikale (Papst) - und auch nicht auf Liberale! Schimpf nicht auf die Kaisertreuen (Franz Beckenbauer) - oder auf die Neo-Neuen (Dieter Bohlen) - schimpfe nur auf jene, dies Land regiern, als könnten sies!" Den "König Erl" gab Herbert Grönemeyer und Bundespräsident Johannes Rau sinnierte über die Welt und die "Erkenntnis". Dabei waren die Parodien von schlagende Überzeugungskraft, wenngleich mit den "Macken" etwas überzogen wurde.

Ebenfalls als Highlight entpuppte sich Volkmar Staubs Nummer um den "Wahlredner": "Es klingt ein wenig so, als ob Heinz Erhardt Gerhard Schröder schon gekannt hätte". Nach Staubs Meinung stehe hinter dem peinlichen "Bundespräsidenten-Casting", das man veranstaltet habe, "bevor der Altpräsident wieder über die Wupper geht" der Altkanzler aus Oggersheim: "Köhler ist nun mal die Steigerungsform von Kohl!"


Alles in allem bleibt aber der unschöne Nachgeschmack eines "Naja" auf den Versuch der Truppe, Heinz noch einmal zu recyclen.
Oder – wie es der unentdeckte M. "Heinz" W. sagte - :

Was einst Joghurtkulturen barg,
geht durch die Mülltonne zum Park:
Aus alten Bechern werden neue Sitze.
Recycled man genialen Schwank,
ists so, als nagt man an der Bank:
Genau so schal sind aufgewärmte Witze.


Zur Person: Heinz Ehrhardt

Der 1909 in Riga geborene Komiker, Dichter, Schauspieler, Musiker und Entertainer gilt bis heute als das Urgestein der humoristischen Unterhaltung der deutschen Nachkriegsära.

Kein anderer Mime des heiteren Fachs entsprach zu seiner Zeit besser "den Maßen der Breitwand", wie es der stets in altbackenen Anzügen mit schwarzer Hornbrille und mehrfach über den Kopf gelegten Haarfransen daherkommende Ehrhardt selbst auszudrücken pflegte. Gekonnt setzte er sich gegen den ebenfalls nicht eben wenig erfolgreichen Namensvetter aus der Politik ab – trotz ähnlicher Statur und bemerkenswert ähnlichen Marotten.

Tatsächlich brillierte der Wortakrobat, der gerne den Dümmlichen gab, in fast 40 Filmen, von denen "Natürlich die Autofahrer" (1960), "Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett" (1962) und "Unser Willi ist der Beste" (1971) ohne Zweifel zu den bekanntesten zählen – heuer zum 95. Geburtstag locken sie alle wieder Massen vor die Schirme des Mediums, das Erhardt trotz seiner Skepsis dem Fernsehen gegenüber wie kein zweiter zu beherrschen verstand.
"Willi Winzig" hat er dabei zum Prototyp des Deutschen aus der Wirtschaftswunderzeit werden lassen.

Ein Schlaganfall beendete 197 die Karriere des Urdeutschen abrupt. "Wenn mir - Gott bewahre - etwas zustoßen sollte und ich zum Beispiel nicht mehr gehen kann, dann müsst ihr mich eben auf die Bühne tragen. Solange ich nur sprechen kann, werde ich es schaffen, das Publikum zum Lachen zu bringen", hatte er einstens seine Freunde gebeten. Bedauerlicherweise war gerade sein Sprachzentrum unwiederbringlich geschädigt worden und er so seines größten Talents beraubt. Drei Tage nach der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes starb Erhardt 1979 in Hamburg-Wellingsbüttel.

Seine Nachwirkungen sind allerdings bis heute unumgehbar zu spüren: Seit seinem Tod erlebt der Komiker einen ungeahnten Boom, der vor allem mit der Zeitlosigkeit seines Humors begründet wird. Kein anderer hat das deutsche Humorbusiness nachhaltiger beeinflusst, nach wie vor liegen ihm die Massen zu Füßen und er gehört zu den vielzitierten Komikern der Republik: Aus aller Munde heißt es immer wieder "Noch 'n Gedicht". Und wer würde sie nicht kennen, die berühmten Vierzeiler vom Schlage:

Ich wälze nicht schwere Probleme
und spreche nicht über die Zeit.
Ich weiß nicht, wohin ich dann käme,
ich weiß nur, ich käme nicht weit.

Nähere Informationen und unzählige Textbeispiele im Internet unter http://www.heinzerhardt.com.