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David J. Edmonds / John A. Edinow
Erschienen
Wie Ludwig Wittgenstein Karl Popper mit dem Feuerhaken drohte. Eine Ermittlung
04/2004
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M.
284 Seiten / € 10,90
Es gibt Aufeinandertreffen in der philosophischen Welt, die vom Hauch des Geheimnisvollen, fast Mystischen umwoben sind. Die Disputationen Ernst Cassirers mit Martin Heidegger auf den Höhen des schweizerischen Davos ist eine solche, die Begegnung Ludwig Wittgenstein und Karl Popper im Oktober 1946 in Cambridge eine andere. Letztere bildet die Rahmenhandlung der von anerkannten BBC-Journalisten geschriebenen "Ermittlung".

Die dreiundzwanzig Kapitel des Buches mit einem jeweiligen Umfang zwischen sechs und zwanzig Seiten führen den Leser unter anderem in eine Welt, die es in diesem Glanze heute nicht mehr gibt: Das Wien der "k und k"-Zeit bis zum Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 mit seinen philosophischen Kreisen und Streitereien, seiner kulturellen Vielfalt und den politischen sowie wirtschaftlichen Krisen.

Zuvor jedoch beschreiben die Autoren mit einer fast besssen wirkenden Liebe zum Detail den Ort der Begegnung der Philosophen: Cambridge King`s College, Apartment H3. Dies vollführen die Journalisten mit einer Kunstfertigkeit, die den Leser gleichsam durch ein imaginäres visuelle Kameraauge sehen lässt.

Der Vorgang der zehnminütigen Auseinandersetzung zwischen Ludwig Wittgenstein als Vorsitzendem des einladenden "Moral Science Club" und Karl Popper als Gastredner zum Thema "Gibt es philosophische Probleme?" und die Vorstellung der übrigen Teilnehmer der Veranstaltung folgen. Dabei fällt eine bemerkenswerte Diskrepanz auf: Die gelehrten Zuhörer, darunter der berühmte britische Philosoph und spätere Literaturnobelpreisträger von 1950, Bertrand Russel, artikulieren den Vorgang und die Interpretation des "Feuerhakenzwischenfalls". Andere Zuhörer hingegen nahmen dieses Ereignis gar nicht wahr. Ein Student war zu sehr damit beschäftigt, eine Frau zu beobachten, die angeblich keinen Schlüpfer trug. Dies lenkt ab und ist "natürlich" nicht mit einem philosophischen Großereignis zu vergleichen.

Die Stärke des Buches liegt in den darauf folgenden Kapiteln. In parallelen Darstellungen werden die Lebenswege Ludwig Wittgensteins und Karl Poppers geschildert. Bei allen Unterschieden weisen ihr gesellschaftliches Herkommen, ihre Grundcharakteren, der jeweilige beruflicher Werdegang und die philosophischen Inhalte durchaus auch gewisse Ähnlichkeiten auf. Beide aus Wien stammend, mit jüdischem Hintergrund und im Umgang mit Mitmenschen nicht gerade einfach, wurden jeder für sich zu einflussreichen Philosophen des 20. Jahrhunderts.

Die Autoren Edmonds und Eidinow scheinen dabei eine gewisse Präferenz für Wittgenstein zu haben. Der große Blonde mit den strahlend blauen Auge, ein jung Siegfried aus einem der reichsten Industriehäuser Europas stammend, mit zahlreicher Jüngerschaft umgeben, die ihrem "Meister" auf beinahe boulevardesken Weise imitiert. Dagegen Popper: Klein und leicht untersetzt wirkend, um beruflicher Anerkennung ringend als ein Kritiker, der die Philosophie Wittgensteins in ihren Grundfesten erschüttern möchte.

Am Ende schließt sich der Kreis wieder. Die Autoren kommen auf den Feuerhaken-Zwischenfall zurück und unternehmen den Versuch zu schildern, was (Popper hasste übrigens Fragen, die mit "was" begannen) die Protagonisten während ihres Aufeinandertreffens innerlich gedacht haben mögen. Dieser Teil stellt eindeutig eine der wenigen Schwächen des Buches dar und wirkt - absichtlich oder nicht - zu sehr comicblasenhaft.
Und der Feuerhaken? Der verschwand und wurde nicht mehr gesehen.

Im Anhang findet sich eine ausführliche Zeittafel zum Leben der beiden philosophischen Hauptakteure mit umfangreichem Quellen- und Literaturverzeichnis. Den einzelnen Kapiteln stehen passende Zitate sowie schwarzweißes Bildmaterial voran.

Beim Lesen des Buches fällt auf, wie wenig menschliche Weisheit berühmte Meister der Philosophie bisweilen aufbiten können. Statt dessen Neid, Missgunst, man ist geneigt zu sagen: Infantiles Gestochere.


Die Autoren haben ein überaus gelungenes Buch vorgelegt: Philosophische Zusammenhänge werden verständlich erklärt und das 300-Seiten-Werk ist dennoch süffig zu lesen, was sicherlich nicht zuletzt auch den Übersetzern aus dem Englischen zu verdanken ist.