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Erschienen
Filigrane, sehr komplexe Improvisationen: Internationale Gitarrennacht in Hockenheim
04/2004
Musikalische Welten aufeinandertreffen zu lassen und selbst den unterschiedlichsten Stilen eine gemeinsame Heimat zu geben, das ist die große Mission eines der führenden Gitarren-Musiker der Republik. So hat Claus Boesser-Ferrari als Gastgeber die inzwischen längst zur festen Größe im Hockenheimer Kulturkalender gewordene "Internationale Gitarrennacht" Mitte März wieder einmal genutzt, um ein ganz bemerkenswertes musikalisches Highlight zu setzen – keiner vermag mehr Stars oder vielversprechendere Newcomer auf die Bühnen zu holen, als der international gefragte grauhaarige Ausnahmegitarrist aus Laudenbach.

Seinen eigenen Beitrag hielt er diesmal – ganz nonchalant als Gastgeber – ziemlich bescheiden, dafür aber umso erstaunlicher. Vielleicht ist es überhaupt seine musikalische Flexibilität, der Hang, seine Suche nach immer neuen Ausdrucksformen zum Gegenstand seiner Kunst und auch seiner Auftritte zu machen, was seinen nachhaltigen und umfassenden Erfolg auf allen Bühnen der Welt begründet.

"Ihr wisst ja, dass ich eigentlich Rockmusiker bin", so grinste er diesmal sein verdutztes Publikum an – anders als bei den vergangenen Auftritten in Hockenheim hatte der als Exzentriker bekannte Gitarrengott diesmal mit "Roxanne" und "Demolition Man" zwei für seine Verhältnisse fast schon ruhige "Police"-Interpretationen im Gepäck. Intime Auseinandersetzungen, die viel von der Spannung ihrer Originale atmen und sich selbst genügend ohne effektheischenden Schnickschnack auskommen – Beispiele für Boesser-Ferraris Streben nach der Authentizität und Wahrhaftigkeit in der Musik.

Aus Paris hatte er Bob Bonastre eingeladen, der "eine Entdeckung" für ihn selbst gewesen sei. Tatsächlich offeriert der im Senegal geborene Gitarrist, in dessen Adern neben französischem auch spanisches Blut fließt, einen sehr eigenen Stil: Seiner schwebend daherkommenden Gitarrenmusik, die in perlenden Tönen ganz natürlich aus dem Corpus zu fließen scheint, gibt er lautmalerischen Gesang, gerne auch mal im Falsett, mit. Auf dieses klangliche Ereignis, das im ersten Moment gerne als "Katzenjammer" deklariert wird, muss man sich natürlich einlassen können; dann aber verbindet es sich mit den grenzenlos scheinende Harmonien und einer zum Teil sehr energische Nachdrücklichkeit zu einem reizvollen und spannenden musikalischen großen Ganzen. In rasanten Passagen konnte Bonastre mit "Voice of India" seine natürlich unerlässliche technische Brillanz zeigen, mit "Mokuso" seine Liebe zum Außergewöhnlichen: Er spielt den Titel mit traditionellen japanischen "Hashis" - Essstäbchen.

Insgesamt, das sei nicht ohne Grund an dieser Stelle angemerkt, gerieten die Einzelbeiträge der Künstler diesmal mit je einer Stunde etwas lang: Die jeweils sehr verschiedenartige Musik erfordert absolute Konzentration und uneingeschränkte Aufmerksamkeit – entsprechend erschöpft wirkte das Publikum in der Pause.

Danach stand eine der Lichtgestalten der "Flatpicking"-Szene auf der Bühne: Beppe Gambetta, der urige Typ aus Genua, war bei der letzten Gitarrennacht bereits erwartet worden, dann aber krankheitsbedingt ausgefallen. Glücklicherweise konnte Boesser-Ferrari den Hünen, der "auch von der Höhe" groß, als Künstler aber unübersehbar ist, für diesen Auftritt gewinnen.

"Flatpicking" wird mit einem flachen Plastickpick gespielt und beeindruckt durch einen äußerst kraftvollen, relativ uniformen Sound. Dabei verwob Gambetta Schlag- und Picking-Technik zu einem insgesamt etwas rüden, dabei aber mit ultrafein ausdifferenzierten Intarsien durchwirkten Stil, der den Eindruck vermittelt, als wolle er sein enormes technisches Können und seine bemerkenswerte interpretatorische Gabe dahinter verstecken.

Mit dem traditionellen "Nashville Blues" nahm der bärtige Virtuose einen perfekten Einstieg in sein Programm. Eine warme, überzeugend echte Stimme steht dabei seiner Fingerfertigkeit in nichts nach. Filigrane, sehr komplexe Improvisationen wie im "Fandango pur il blonda" oder in "The hard travelling", Ausflüge in traditionelle sardische Musik und die charmanten Zwischenreden des Gitarristen machten seinen Auftritt zu einem wahren Schauspiel.


Absoluter Höhepunkt war aber, als sich die drei so unterschiedlichen Musiker gegen Ende der Veranstaltung gemeinsam präsentierten: Stile, die sich gegenseitig bereichern können, ohne dabei an individuellem Glanz zu verlieren – eine bessere Lehrstunde in Sachen "Gemeinsamkeiten bei Gegensätzen" wird es nicht geben.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.boesser-ferrari.deund http://www.beppegambetta.com.