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Erschienen
Vorsicht, Jazz - Jochen Brauer in Neulußheim
04/2004
Es war wie ein Revival der "guten alten Zeit", als über die Mattscheiben des Landes noch ernstzunehmende Sendungen flimmerten. "Vorsicht, Klassik!" hieß die Sendung, in der sich der Pianist und Dirigent Justus Frantz anschickte, den Deutschen die Flötentöne beizubringen. Ein ähnliches Konzept aus der Kombination großer Namen mit einem edukativen Grundcharakter lockte Ende Februar unter dem Titel "The history of Jazz" rund 70 Gäste ins Neulußheimer "Haus der Feuerwehr" zum gemeinsamen Auftritt des Jazz-Trios "Phylax" mit der Musiker-Legende Jochen Brauer.

In einer mehr als dreistündigen Open-End-Rundreise durch die verschiedenen Spielarten des noch immer als "Intellektuellen-Musik" verschrienen Stils ließen sie gemeinsam die großen Namen des Genres wiederauferstehen: Scott Joplin, Ray Henderson, Charlie Parker, Dizzie Gillespie und wie sie alle hießen. Dabei ging das Konzept, den Ausflug ins Unbekannte zu nutzen, um neue Fans für die besondere Musikkunst zu gewinnen zumindest teilweise auf: "Wir wollen, dass aus Jazz-Interessierten Jazz-Freunde werden".

Entsprechend streute der Phylax-Leader und Pianist Dr. Felix Conrad immer wieder Grundlagenwissen über den Jazz zwischen die Einzeltitel.

Nach wie vor lässt sich diese Musikrichtung schwer fassen, weil sich die inzwischen weit ausladenden unterschiedlichen Macharten kaum unter einen Hut bringen lassen. Man könnte es mit dem Brockhaus-Riemann sagen: "Jazz ist in seinem Ursprung Gruppenmusizieren in 'kollektiver Improvisation'". Davon gaben die vier Musiker eine gehörige Auswahl zum Besten und unterstrichen damit den in allen Epochen unbedingten Drang zur freien Entfaltung des eigenen, ganz persönlichen Spieltriebs.

Mit dem Urvater des Jazz, Scott Joplin und dem nach wie vor als erste Jazz-Veröffentlichung geltenden "Maple Leaf Rag" aus dem Jahr 1898 stiegen sie in den Musikabend ein und räumten gleich mit dem ersten weit verbreiteten Vorurteil auf: "Der Jazz hat mit Schwarzen relativ wenig zu tun – die meisten waren Kreolen." So auch Kid Ory, der stilbildender Vertreter des New Orleans wurde. Weiter arbeitete man sich über Dixiland und Chicago-Style, Blues, Boogie-Woogie bis zum Swing durch. Mit dieser in großen Ballsälen durchaus vor allem vom Establishment konsumierten Variante erreichte der Jazz ab Ende der 1920er den großen Durchbruch. Namen wie Duke Ellington und Benny Goodman blieben unvergesslich. Über den Bebop – "Underground für Intellektuelle" – geht’s zur zweiten Blüte mit dem Cool Jazz Ende der 1940er, der glättend europäische Musiktraditionen verarbeitet. Latin, Bossa Nove, Modal Jazz, Rock-Fusion und Mainstream bildeten den Abschluss des Lehrabends.

Von einem "Konzert" zu sprechen, verbietet sich beim Jazz generell, aber auch Ausdrücke wie "Jam-Session" oder "Combo-Night" werden dem Auftritt kaum gerecht.

Fakt ist, dass – neben enormem Wissen über die Musik, die mit einer Verbreitung von 3% zu den Stiefkindern der Kultur gehört – beeindruckende Improvisations- und Interpretationskünste zu hören waren. Während Conrad – ohnedies musikalisch eher von akademischer Machart - etwas unter den bescheidenen klanglichen Welten seines Synthesizers zu leiden hatte, der so gar keine Atmosphäre aufkommen lassen wollte und Mario Fadani am Bass bedauerlicherweise häufig aufs Zusehen gebannt war, obgleich er mit Titeln wie dem "Basin Street Blues" von Spencer Williams unter Beweis stellen konnte, wie viel in ihm steckt, legte Drummer Ringo Hirth ein perfektes Fundament mit einer ganz bemerkenswerten Präsenz.

Dennoch zeichnete vor allem Jochen Brauer, der Saxophon, Flöte, Klarinette und Piano beherrscht, sich aber auch gerne als Sänger zum Besten gibt, für den fesselnden Charakter des Abends verantwortlich. Der Vollblutmusiker war im Januar 75 Jahre alt geworden und ist damit ein lebender Beweis dafür, dass man als Jazzer nie älter wird: Der gebürtige Schlesier, den es in den 1950ern nach Mannheim verschlug und der mit vielen Größen des Showbiz (Chet Baker, Gerry Mulligan, Kenny Rodgers, Tony Christie, Harald Juhnke, Peter Alexander) auf der Bühne stand, lieferte in bestechende Improvisationen und einem markanten Gesang die Highlights des Abends. Vor allem Vincent Roses "Avalon" und der Nat King Cole-Kulttitel "Misty" brachten ihm den verdienten Applaus.


Tief in der Nacht war das Unverhoffte geschafft: Aus "Vorsicht, Jazz!" war ein gelungener Musikabend von höchster Spannung und tiefer Freude geworden.