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Erschienen
In der Theorie machen wir eine Reform ... - Seibel & Wohlenberg in Hockenheim
05/2004
So aktuell kann Kabarett sein: "Was bei uns in Köln der Müll ist, ist hier der Ring", kommentierte das Gag-Duo "Seibel & Wohlenberg" Anfang April im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" die aktuellen Geschehnisse um die angeblichen Unregelmäßigkeiten beim Ausbau der Rennstrecke und den unerwarteten Rücktritt von OB Gustav Schrank: "Das macht die Leute krank - sogar den OB!" Dass die Staatsanwaltschaft in der Angelegenheit ermittle, "heißt entweder Gefängnis oder Beratervertrag".

So überraschend die Kenntnisse des Doppelpacks aus Zwei-Meter-Mann und 1,67-Knilch, so bemerkenswert auch das Tempo des fluchtartig rasanten Abends: Ohne Punkt und Komma sabbeln die beiden Kölner in ihrem neuen Programm "Keine Zeit für Höflichkeit" vor sich hin und kommen dabei von der Formel1 ("Hockenheim ist Kreisstadt, weil Männer hier machen dürfen, was sie am besten können: Im Kreis fahren") über die "Singlezulage" bis zum Mannesmann-Prozess ("Wenn Ackermann aufs Klo geht, sind bei dem Stundenlohn gleich 120 Euro in der Schüssel – das ist Erfolgsdruck!").

Zusammengehalten wir die politsatirische Flachserei vom Plan der beiden, als "letztes Aufgebot" doch noch das Land zu retten: "Wir müssen nach Berlin". Dazu gründen sie als "krude Mischung aus Silvio Berlusconi, Donald Duck und Bob Geldorf" kurzerhand den ADAC ("Allgemeiner Demokratischer Allerweltsclub") und stampfen in zwei Stunden ein perfekt auf die eigene Zielgruppe ("Dürers Haase in der Vitrine, aber das Che-Guevara-T-Shirt im Schrank") zugeschnittenes Konzept aus dem Boden, das es in sich hat. Auf ein Programm verzichten der kleine Irre mit dem Flauschkopf und der smarte Krawattenträger kurzerhand – schließlich sei das eins der Probleme der SPD: "Müntefering ist doch den ganzen Tag damit beschäftigt, die Realität ans Parteiprogramm anzupassen".

So zimmern Knautschgesicht und Basedow-Blick Thesen zusammen, die vor allem eines sind: Eine schallende Ohrfeige für Regierung und Opposition. Kompetenz haben sie dabei in ausreichendem Maße: Seibel war nicht nur schonmal im Urlaub und kann deshalb was zur Außenpolitik sagen, sondern wurde einstens als "Hochhaltekind" renommierter Politiker schon von Herbert Wehner auf den Arm genommen – "zum Pfeifestopfen".

So fordern sie "Verkehrspolitik mir Fun-Faktor" – "Wenn alle im Land einen Geländewagen hätten, bräuchten wir die Straßen nicht mehr teuer reparieren lassen". Aber auch ein effektiveres Gesundheitssystem liegt den beiden am Herzen: "Wenn man unser heutiges Gesundheitssystem heute neu einführen würde, wäre die Hälfte des Landes auf der Straße – und die andere Hälfte nur deshalb nicht, weil sie entweder schon privat versichert ist, oder nicht mehr laufen kann!" Dabei könne nicht angehen, was Gesundheitsministerin Ulla Schmidt praktiziere: "In der Theorie machen wir eine Reform, in der Praxis kassieren wir zehn Euro". Zum Kopftuchstreit haben sie eine eher pragmatische Haltung: Wenn man nämlich bei Lehrern generell auf Kleidung verzichte, sei das anschaulich, aber nicht weltanschaulich.

Dabei häufen sich Aussagen, die der gesunde Menschenverstand sofort begreift, obgleich sie von der aktuellen Realpolitik noch nicht durchschaut scheinen. "Familie ist die Zukunft – aber wir brauchen auch Familie in der Gegenwart", "Arbeitslosengeld II klingt nach mehr, ist aber weniger", "Konkurrenz zwischen Apotheken, das gäbe Mord und Zuschlag", "Der Weihnachtsmann ist der letzte rote Mann, der einem noch was bringt".

Eben darin liegt das besondere Erfolgsrezept von Thilo Seibel und Lüder Wohlenberg: Sie greifen auf subtilere Mittel als reine Beleidigungen zurück, um die Politik bloßzustellen. Auf dieser Weise outen sie Joschka Fischer als "Meister der melancholischen Stirnfaltenbesorgtheit", unterwandernd die Sozialdemokratie ("Die SPD als letztes Kapitel der Bibel, da hätte der Herrgott der Apokalypse noch mächtig einen draufsatteln können"), küren das Bundespräsidenten-Casting zum "Spiel des Jahres" - "Hoppla, mein Kandidat geht durch: Gewinner ist, wer einen Kandidaten durchsetzt, von dem er vorher noch nie etwas gehört hat" -, machen Stoiber und Otmar Schreiner zu den letzten Sozialdemokraten in Deutschland, deklarieren den CSU-Wahlsieg zur Bankrotterklärung des Staatssystems ("Bayern wollte einen König, aber die Demokratie hat nicht mitgespielt") und enttarnen die Konstellation in der Union mit mitleidloser Offenheit: "Wenn Merz im Schatten von Merkel steht, beweist das, dass das Licht von Stoiber kommt!"

Besondere Highlights dabei waren die ultrakomische 0190-Lösung für die Arbeitslosigkeit, in der der kleine Seibel sich via Fernsehspot und Hotline als Arbeitstier prostituierte, oder dessen Bruce-Willis-Nummer, in der er im Kampf für Weltfrieden und Haftpflichtversicherungen den Saal wegblasen wollte. Überhaupt machen die Parodien des lütten Jecken einen Großteil des Charmes aus, den das Duo mitbringt. Der besteht aus der gelungenen Kombination aus ultraaktuellen Pointen, beherzter Unverfrorenheit und gutem Gespür für die Themen der Zeit.


Am Schluss bleibt die Moral von der Geschicht: "Meinung ist immer der Kehrwert aus Wissen durch zwei – je mehr Halbwissen, desto mehr Meinung!"



Weitere Infos im Itnernet unter http://www.kultmoerder.de.