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Helmut Kohl
Erschienen
Erinnerungen 1930-1982
05/2004
Verlagsgruppe Droemer Weltbild, München
600 Seiten, zahlreiche S-W-Abbildungen / € 28.-
Es ist ein ereignisreiches Leben, das Helmut Kohl bisher geführt hat. Keine Frage, dass man als Alt-Bundeskanzler gut zwei Bände für eine Autobiographie benötigen kann. Der nun vorliegende Teil eins umfasst Kohls Lebenserinnerung von der Geburt in Ludwigshafen am Rhein am 03. April 1930 bis zur Wahl zum sechsten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland im Herbst 1982.

Ursprünglich wollte der amtslängste Kanzler der deutschen Nachkriegsgeschichte keine Memoiren schreiben; doch die Verzerrung seines politischen Lebens in breiteren Teilen der veröffentlichten Meinung haben ihn veranlasst, aufzuschreiben, wie die Dinge aus seiner Sicht waren. Eine weitere Intention des promovierten Historikers war sicherlich auch, den Lesern seine Wurzeln näher zu bringen: Woher Kohl kam, was ihn prägte – schlichtweg: Warum ist Helmut Kohl zu dem Helmut Kohl geworden, den – frei nach seinem eigenen Werbespot – alle zu kennen glauben.

Um es gleich zu Beginn zu sagen: Diese Reise "back to the roots" ist dem Autor im ersten Kapitel beeindruckend gut gelungen. "Wurzeln und Prägungen 1930-1959" ist mit Abstand der Beste der insgesamt vier großen Abschnitte der Erinnerungen. Von seiner glücklichen Kindheit, in der die Schulzeit bis 1945 liegt, auf die Kohl allerdings nicht sehr ausführlich eingeht, schildert er vor allem das gute Essen seiner Mutter und der Leser bekommt fast schon Appetit auf ein Schlemmen bei Kohls Muttern. Dem Autobiographen gelingt dabei eine atmosphärische Dichte, die an große Emotionen vielgelesener Romanciers erinnert. Wenn der spätere Kanzler berichtet, wie ihm sein Vater in den Wirren des sich abzeichnenden Kriegsendes 1945 tausend Reichsmark schickt und die Sorge um die Eltern den damaligen Bub zu Tränen rührt, muss man schon ein hartgesottener Leser sein, um sich dem Rührenden des Augenblicks zu entziehen.

In der Nachkriegszeit wird sein politisches Denken unter anderem von einem Geistlichen namens Finck beeinflusst. In den Zusammenkünften mit dem Mann Gottes wird bereits 1948 über die Nationalsozialistische Vergangenheit diskutiert. Helmut Kohl scheint in diesem Punkt bereits ein 1968er gewesen zu sein - zwanzig Jahre bevor es diese überhaupt gab.

Bezüglich der Jahre als Landespolitiker bis 1969 widmet sich Kohl primär seinen eigenen Anstrengungen zum dem Umbau der CDU zu einer modernen Partei. Moderne Wahlkampfführung, ein ausgeprägtes Pressewesen, die Stärkung der Fraktion, aber auch das Ringen mit dem langjährigen CDU-Ministerpräsident Peter Altmeier um den rechten Zeitpunkt der Ablösung sind die Schlagworte dieser Abschnitte: Helmut Kohl stilisiert sich dabei zum einzig wirklich erfolgreichen "Junger Wilder", den die Union je hatte. Kohls Kritik am allzu selbstgefälligen Regierungsstil Altmeiers und dessen beharrliches Festhalten am Amt erinnert dennoch fatal an Kritikpunkte, denen sich Kohl Jahre später am Ende seiner Kanzlerschaft selbst ausgesetzt sah.

Die Jahre als Mainzer Ministerpräsident 1969-1976 sind gekennzeichnet von schwierigen verwaltungstechnischen Maßnahmen zum Umbau des Landes aber auch Kohls Versuch, intelligente und kompetente jüngere Politiker aus allen Teilen der Bundesrepublik um sich zu scharen: Heiner Geißler, Norbert Blüm , Richard vom Weizsäcker und Bernhard Vogel seien stellvertretend genannt. Später – auch hier findet sich wieder eine markante Wende im Aufstieg und teilweisen Scheitern des Kanzlers - gehörten diese zu Helmut Kohls schärfsten Kritikern. Dennoch vernimmt man im Rückblick kaum einen Groll - Kohl lobt im Gegenteil die herausragenden Leistungen seiner Weggefährten in den 60er- und 70er-Jahre.

Das abschließende Kapitel stellt die Jahre als Oppositionsführer in Bonn von 1976 bis zum Misstrauensvotum gegen seinen Vorgänger Helmut Schmidt und den damit verbundenen Einzug ins Kanzleramt 1982 in den Mittelpunkt der Reflektion. Die Erinnerungen an die massiven Schwierigkeiten mit Franz Josef Strauß und an den Kreuther Trennungsbeschluss, der zur Spaltung der ehedem gemeinsamen Fraktion aus CDU und CSU führte, aber auch die freudigen Erzählungen über die "Wiedervereinigung" der Unionsfraktion gehören zu den Highlights des Buches. Kohl gibt darin ein wenig von der ihm ansonsten anhaftenden übertrieben staatsmännischen Zurückhaltung auf und lüftet auch "Geheimnisse". Dass Max Streibl, Franz Josef Strauß’ Nachfolger im Amt des bayrischen Ministerpräsidenten, Kohl damals ankündigte, im Fall der bundesweiten Ausweitung der CSU zur – damals eben zerstrittenen - Schwesterpartei CDU zu wechseln, ist eines der wenigen Details, die eine breite Öffentlichkeit vor Kohls Veröffentlichung noch nicht wusste. Wenn der Altkanzler dabei Akteure in direkten Rede zitiert, trägt dies zur Lockerung des Lesevergnügens bei. "Mach dir nichts draus, die Bayern sind Lumpen! Die haben schon unseren Andreas Hofer an die Franzosen verraten", soll der Landeshauptmann von Tirol, Eduard Wallnöfer, Helmut Kohl am 20. November 1976 nach dem Bekannt werden des Trennungsbeschluss von Kreuth durchs Telefon aufmunternd zugerufen haben.

Die Zeiten des Terrors in den 1970er-Jahren beschreibt der Autor als einige seiner traurigsten Erfahrungen. Eine Entführung, die im Bewusstsein der bundesrepublikanischen Gesellschaft fast schon in Vergessenheit geraten schien, schildert Kohl mit einer fast grausam intensiven Nähe: Die Verschleppung des damaligen Vorsitzenden der CDU Berlin, Peter Lorenz. Dagegen bei der Darstellung des "Deutschen Herbstes 1977" bleibt der Autor zu sehr in seinem grundständigen, sachlich-nüchternen Ton – hier wird vom Leser schmerzlich vermisst, nichts über die Haltung und Beweggründe der einzelnen Mitglieder des Bonner Krisenstabes zu erfahren; Kohl kratzt an dieser Stelle bedauerlicherweise kaum an der Oberfläche.

Das Ende der sozialliberalen Koalition und seine Vereidigung zum Kanzler im Oktober 1982 - "ein erhebender Moment, den ich nicht in Worte fassen kann" - beenden den ersten Teil der Lebenserinnerungen Helmut Kohls. Im Anhang sind eine Zeittafel zu den wichtigsten Stationen bis 1982 wie auch ein ausführliches Register mit Personen-, Sach- und Ortsangaben zu finden.

Zu den Stärken des Buches gehört ohne Zweifel, dass der Altkanzler zwar aus der Position eines "Patriarchen" zu seinen Lesern spricht, aber - durchaus zur allgemeinen Verwunderung - auch zu kritischer Selbstreflektion fähig ist. Seine Memoiren gleichen deshalb nicht vorrangig einer Selbstbeweihräucherung, weil sie darauf verzichten, geradewegs zu den unbestrittenen Leistungen zu führen: Kohl verzichtet auf jedes "Ich habe schon immer gewusst, dass ich Deutschland zur Einheit führen würde". Dabei unterscheidet er sich grundlegend von vielen Politikererinnerungen; als mahnendes Beispiel sei die Autobiographie des britischen Nachkriegspremier Clement Attlee genannt, der bereits nach wenigen Seiten auf sein "Lebensthema" (der Verstaatlichung von Teile der britischen Industrie) kommt.

Über seine Frau Hannelore, seine engere Familie und persönlichere Angelegenheiten wie Freizeitaktivitäten und Faibles, kulturelle Präferenzen oder "Macken" gibt Kohl, der bereits zu Amtszeiten mehr als Staatsmann, denn als Privatmensch aufscheinen wollte, bedauerlich wenig Auskunft. Da bleibt er deutlich hinter den geschürten Erwartungen zurück. Einen wenigstens holzschnittartigen Einblick gewinnt der Interessierte hier im Hannelore Kohl Buch von Dona Kujacinski und Peter Kohl (ebenfalls bei Droemer).

Die Bonbons von Anekdoten sind sehr spärlich, obwohl Helmut Kohl unzählige Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Religion, Sport, Popular- und Hochkultur kennenlernen konnte. Das ist umso bedauerlicher, weil der Altkanzler als brillanter Anekdotenerzähler bekannt ist. So die Geschichte, wie er in seinem Dienstwagen Bundeskanzler Kiesinger von der doch noch verloren gegangenen Bundestagswahl 1969 berichtet - wie schnell angebliche Siege sich als Niederlagen erweisen. Es gelingt ihm dabei eine sehr atmosphärische Schilderung, die zumindest den geneigten Leser zu fesseln vermag. Seine Beobachtungsgabe ist erstaunlich. Vielleicht gelingt es den engen Weggefährten, Kohl doch noch zu einem solchen "Anekdotenbüchlein" zu überreden. Es wäre wünschenswert.

Die Erinnerungen sind sprachlich zwar nicht eben prosaisch weit ausgebaut, auch wenn das Buch seinen Längen hat; es verweigert sich aber auch nicht immer einem fahrigen Stakkatostil: Plötzlich, wie aus dem Nichts, folgt dann wieder ein spannender Ausschlag nach Oben. Darin erinnert das Buch an eine Wagneroper, welche vor sich fließt wie ein Bächlein und unerwartet zu einem reisenden Fluss wird.


Helmut Kohls Erinnerungen 1930-1982 sind im Vergleich zu den Autobiographien von Konrad Adenauer, Willy Brandt oder Hans-Dietrich Genscher deutlich lockerer und viel flüssiger zu lesen. An der meisterlichen Brillanz der Biographieschreibung des ersten deutschen Reichskanzlers oder des britischen Kriegspremiers kommt dieser Lebensbericht allerdings beileibe nicht heran, obschon er in Richtung Winston Churchills und Otto von Bismarcks weist.

PK