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Brigitte Baumeister mit Dietmar Brück
Erschienen
Welchen Preis hat die Macht?
Eine Frau zwischen Kohl und Schäuble
05/2004
Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co KG, München
288 Seiten / € 18.-
Die Ex-Schatzmeisterin und die schwarzen Kassen der CDU

In den Monaten um die Jahrtausendwende sorgte der unsachgemäße Umgang der CDU mit Spenden für großen publizistischen Wirbel. Im Mittelpunkt des veröffentlichten Interesses stand neben anderen die mehrjährige Schatzmeisterin der CDU, Brigitte Baumeister, die - pünktlich zur heißen Phase in den Auseinandersetzungen um die Nachfolge von Bundespräsident Johannes Rau - mit zeitlichem Abstand ihre Sicht der Dinge in Buchform präsentierte.

In den sieben Kapiteln des Werkes geht die Autorin minutiös die CDU-Parteispendenaffäre durch - selbstverständlich unter besonderer Berücksichtigung der sagenumwitterten "100.000-Mark-Spende". Geschickt im Sinne der atmosphärischen Spannung schildert Baumeister im ersten Kapitel die aufkommenden Auseinandersetzungen mit Wolfgang Schäuble um die ominöse Gabe des bayerischen Lobbyisten und Waffenhändlers Karl-Heinz Schreiber und die aufkeimende Frage, wie mit diesem Geld umgegangen werden solle. Diese Vorkommnisse geschahen rund eineinhalb Jahre vor dem Bekanntwerden der Affäre. Nach diesem überaus gelungenem Auftakt versucht die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete, sich dem Leser in Form einer 36-seitigen Autobiographie selbst als Person vorzustellen. Der frühe Verlust des Vaters nach schwerer Krankheit als sie selbst erst einige Monate jung war, ihr Drang nach Unabhängigkeit, der erste Besuch in den USA, bei dessen Darstellung der Leser förmlich physisch spürt, wie Brigitte Baumeister in einer Art "Alice im Wunderland" mit offenem Mund vom Land der "unbegrenzten Möglichkeiten" beeindruckt wurde. Auch der berufliche Werdegang hat Spannendes und Überraschendes zu bieten: Die Mathematikerin und Informatikerin war an der Berechnung des Olympiazeltdachs in München beteiligt und als aufstrebende Politikerin zeigt die Schwäbin, wie wichtig und unausweichlich es ist, dass sich Frauen in führenden Positionen durchsetzen.

Baumeister versprüht aber ach eine gewisse "Leichtigkeit des Seins", wenn sie in durchaus belebten Worten eine Spritztour mit dem CSU-Abgeordneten Ramsauer im Porsche durch Prag im Jahr 1990 schildert.

Die zentrale Stärke des Buches liegt in den fast beiläufig eingestreuten Portraits der Wegbegleiter Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble. Kohl, der Patriarch, der sich um seine "Schützlinge" kümmert, diese sogar bei der Arztwahl berät. Ein Mann, den sie nicht als Meinungsresistent gegenüber anderen darstellt, dessen ausgeprägtes Gedächtnis und routinierte Professionalität sie aber gleichzeitig betont. Baumeister schildert aus dem politischen Innenleben der Regierung Kohl, steuert aber auch einige Anekdoten bei - herrliches Beispiel ist die Geschichte als der - damals noch amtierende - Altkanzler beim Sockenkauf in größtes erstaunen über deren hohen Preis geriet. Gerade diese "Geschichtchen", die in Kohls eigener Biographie deutlich zu kurz kommen, sind in Baumeisters Buch als wirkliche Bereicherung anzusehen.

Wie ein Krimi hingegen ihre Beziehung zu Wolfgang Schäuble. Ausgehend von einer besonders engen Beziehung mit anrüchigem Händchenhalten und einer speziellen Form von Umsorgen (Baumeister darf Schäubles Rollstuhl schieben und holt für ihn am Büffet seine Lieblingsgerichte - selbst Unionsgrößen wie Rita Süssmuth fällt dabei auf, wie eng die Beiden zusammenarbeiten) bis hin schließlich zum eisigen Schweigen der Gegenwart, gnadenlose Machtspiele, gegenseitiges Fallenlassen. Und dies wegen der für einen Außenstehenden eher unwichtigen Frage, ob Karl-Heinz Schreiber die 100.000-Mark-Spende seinerzeit direkt an Wolfgang Schäuble (Version Schäuble) oder zunächst an Brigitte Baumeister (Version Baumeister) übergeben hat.

Brigitte Baumeister bemüht sich in diesem Buch ehrlich zu sich aber auch zu anderen, vor allem zu Wolfgang Schäuble zu sein. Dabei kommt ihr die Naturwissenschaftliche Vorgehensweise zu gute. Sie versucht in ihrer Darstellung durchaus, sich auch in die Denk- und Vorgehensweise Schäubles hineinzuversetzen, schreibt differenziert und weitgehend ohne Häme.

Von einem Rachebuch an ihren ehemaligen Parteifreund Schäuble kann keine Rede sein. Von den zahlreichen Abhandlungen über die CDU-Affäre ist dies mit Abstand das Interessanteste.


Beim Lesen dieses Buches wird einmal wieder deutlich, wie weit die Wahrnehmungsweise große Teile der veröffentlichen Meinung über eine Person - wie hier über Frau Baumeister, die als labil, unbeholfen, naiv und leicht dümmlich geschildert wurde - auseinanderklaffen kann mit der Meinung, die der Leser nach der Lektüre des gelungenen Buches haben kann: Das glatte Gegenteil.