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Erschienen
Wie wunderbar ist doch Musik - Jean-Michel Fournereau und Stefanie Titus im "Pumpwerk"
05/2004
Können Sie sich vorstellen, wie es dem armen Kerl geht, der im großen Symphonie-Orchester ganz hinten sitzt – und als Triangel-Virtuose bis Seite 89 der Partitur warten muss? Der Chansonier Jean-Michel Fournereau und die Pianistin Stefanie Titus führten mit ihrem Programm "Troubadix und die Forelle ... oder ... wie man Mozart ermordete" am vergangenen Freitag Abend im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" in diesen und viele weitere Abgründe der Musik ein: Gleich zu Anfang haben sie gemeinsam Schuberts Opus 32 (Die Forelle) zu einem "seriösen Lied", in dem das Mädchen aber nicht ganz so fromm ist, massakriert, danach ohne Zaudern Mozart an zwei Pianos durch den Fleischwolf gedreht und "an Ort und Stelle" zugeschnitten. Nicht besser erging es den Herren Beethoven, von dem man das bekannte "Für Elise" schon so häufig gehört hat, dass selbst der "Landmann" als Erholung empfunden wird und Carl Loewe, dessen "Uhr" nach dem Vorbild des Münchner Volksschauspielers Karl Valentin an der Bratpfannen-Gitarre zum Besten gegeben wurde.

Was die beiden Künstler da auf die Bühne brachten, war eine Liebeserklärung der anderen Art an die Musik – kein respektvoller Diener, sondern ein ausgelassenes Schulterklopfen mit unbändigbar erscheinendem Esprit und einer gehörigen Portion Selbstironie.

Im Vordergrund standen dabei die witzigen Einsichten in die Nischen, die die populäre klassische Musik und die Liedermacher in großer Zahl hinterlassen: "Wie fallen großen Genies ihre Melodien ein?" beantworten sie am Beispiel von Rubinsteins "Melodie in F", das entstand, nachdem der Komponist "in Frühling und Flieder Frieda Fuhrmann findet" und diese "feurig für den Freier" ist. Auch die Geheimnisse um die Programmauswahl großer Dirigenten – ob Beethovens Fünfte oder einen abgedroschenen Walzer – klären die beiden ebenso, wie die Frage, wie sich Schuberts "Erlkönig" wohl angehört hätte, wenn des Nachts Plüschpuppe Ernie auf einen Waschlappen getroffen wäre, der "die Nase voll von Achseln und Hälsen" gehabt hätte und deshalb "so spät durch Nacht und Wind" geeilt wäre.

"Troubardix und die Forelle" ist ein ausgefallenes Programm, eines, das es nicht darauf anlegt, den Massengeschmack zu befriedigen, das aber in seinem ganz eigentümlich charakteristischen Genius die Zuhörer in vielerlei Hinsicht bewegt. Ohne Frage, die Ausflüge zu Humperdinck, Debussy und Strauß, die man in ganz neuem, meist schrillem Gewand auftreten ließ, waren urkomisch. Dafür zeichnete vor allem der Bretone Jean-Michel Fournereau verantwortlich, der – pendelnd zwischen Heldentenor und Dieter Bohlen – alles gab: Den Faxenmann ebenso, wie den begnadeten Bühnenstar. Unerreicht vor allem in seiner Transformation von Georg Kreislers "Opernboogie" "Der Ritter und die Ritterin haben einen Schwips – oder: Kiss me Kater!" Da hopste Fournereau mal als Ritter, mal als Ritterin über die Bühne und gab sogar das Pferd mit Inbrunst und Ausdruck.

Als geheimnisvolle Eminenz im Hintergrund die ganze Zeit für das musikalische Topniveau zuständig Stefanie Titus. Die Komponistin und Pianistin aus Ludwigshafen verlieh dem Abend den Reiz des Unnahbaren, den Glanz der hohen Kunst und war ihrem Partner eine perfekte Begleitung, die – zumindest musikalisch – zu manchem aufstachelte. Bedauerlich allerdings, dass sich "Madame Mystique" im zweiten Block durch einen wenig gelungenen Wortbeitrag, auf den man getrost hätte verzichten können, entzauberte.

Neben Witz und musikalischer Klasse waren es die perfekt abgestimmten ernsthaften Einstreuungen, in denen die beiden ihrer Liebe zur Musik auf ganz konventionelle Art und Weise Ausdruck verliehen: "Sur un Prélude de Bach" aus der Feder der belgischen Chansonette Maurane geriet selbst dem ansonsten im Max-Raabe-Stil daherkommenden Fournereau zur zärtlich-nachdenklichen Hommage. Auf die Spitze trieben die beiden diese dann doch sehr ehrerbietige Verneigung vor Tönen und Melodien mit einem Titel aus den 1960-er Jahren: Barbaras "Une petite Cantate" in deutscher Übersetzung als verhalten-melancholische Liebeserklärung an die geliebte Oma des Sängers, der einstens beim legendären Kammersänger Heinz Hoppe aus Altlußheim seine ersten Gehversuche machte, war ohne Frage der unumstrittene Höhepunkt des Abends.


Nach rund zwei Stunden stand auch die Gesamtaussage des Projekts fest, der wohl alle Zuhörer in ihrer Begeisterung zustimmen konnten: "Wie wunderbar ist doch Musik".

Weitere Informationen im Internet unter http://www.stefanie-titus.de.