2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Am Anfang war der Grill - Frankfurter Fronttheater in Hockenheim
05/2004
Einen ganzen Stab hochmotivierter Paar- und Psychotherapeuten haben die beiden angeblich schon verschlissen, zwei Dutzend mehr oder minder esoterische Entspannungsverfahren und Religionen erfolglos durchgebracht und sogar gemeinsam überstandene lebensgefährliche Situationen konnten sie nicht einigen: Seit 25 Jahren sind Hendrike von Sydow und Dieter Thomas das unangefochten streitsüchtigste Paar auf deutschen Bühnen – ihr Künstlername "Frankfurter Fronttheater" kommt nicht eben von ungefähr. Kein Wunder also, dass man dem leicht voyeuristisch veranlagten Publikum ab und an eine "Nabelschau" bieten muss – wenn man über das schrille Paar schon nichts in "Gala" und "Bunter" lesen kann. Am vergangenen Samstag Abend war es für die Bevölkerung der Rennstadt so weit: Im Kulturzentrum "Pumpwerk" ließen von Sydow und Thomas vor restlos ausverkauftem Haus "die Buchse runter", wie man in ihrer hessischen Heimat zu sagen pflegt. Gemeinsam mit ihren Fans feierten die beiden schrägen Gestalten "Silberhochzeit: 25 Jahre Bühne und Beziehung – da kann man schon 'n Silberblick kriegen!"

In einem unglaublich rasanten Programm plauderten die Beiden in einer Kombination aus "Seniorenhippie" und waffenscheinpflichtigem "Maschinengewehr im Mundwerk" gute zwei Stunden über dies und das und über nichts so richtig.

Vor allem ging es um die Hintergründe ihrer bei allen Beleidigungen doch immer noch so verlässlichen Beziehung: Da hat jeder dem anderen die große Karriere zerstört, Wasserbetten wurden aus Eifersucht zerschnitten und Bügelfalten in Jogginghosen geplättet - aber man ist noch zusammen.

Eigentlich ein Wunder bei einem Paar, das über alles streiten kann (und wenn wir "alles" schreiben, meinen wir ALLES): Sie muss auf der Fahrt nach dem Weg fragen? "Du treibst die Leute in den Wahnsinn - Leichen pflastern Deinen Weg." Er kann sich im Restaurant nicht merken, was er bestellen will und nimmt deshalb beim Chinesen einfach immer 132a? "Was da schon alles gekommen ist, war nicht immer lecker!"
Was natürlich nicht fehlen durfte, war der seit Jahren zelebrierte Running-Gag, mit dem von Sydow Thomas seine Texthänger vorwarf.

Wer die Frankfurter Front kennt, der weiß um die fast schon symbiotische Nähe der beiden Künstler. Der muffige Nörgler Dieter Thomas ist - wie immer pendelnd zwischen coolem Camel-Typ und HB-Männchen - zwar auch mit einem Soloprogramm unterwegs, aber selbst dabei führt von Sydow Regie. Und die taffe Rothaarige, die mit ihrer doch viel gewählteren Art so gar nicht zu dem Althippie ("Ja, ich war in Woodstock – ich weiß auch, dass ich 14 Tage zu spät war, aber...") zu passen scheint, ist kaum ohne das Nöhlpaket neben sich vorstellbar. Insofern zelebrieren die Beiden auch in Aussagen wie "ich bin ein Gottfisch – und Du ein Fischstäbchen" nur ihre Gleichheit. Und kommen am Ende doch gemeinsam zu dem Schluss: "Ich bin, wie ich bin, eins zu eins" – eben jeder für sich selbst.

Nur auf diese Weise können die beiden Hessen die jeweiligen Macken des Gegenübers ertragen: Er zieht tapfer den "Kettenhemd-Pullover" aus Topfkratzer-Wolle an, wenn sie ihre Strickphase hat, sie muss – zwar lautstark protestierend, aber dennoch geduldig – hinnehmen, wenn er zum Gartengrill greift und zusammen mit Naturfreaks, "die die zwitschernden Vögel zum Röcheln bringen", dem eigentlichen Daseinsgrund des Mannes frönt: "Am Anfang war der Grill".

Besonders wohltuend sind dabei die "einfachen Lösungen" der beiden Beziehungs-Bulldozer: "Wer guten Sex hat, fährt auch gut Auto!" Und die Verzweiflung im Gesichtsausdruck der Männer bei IKEA ist einfach der Tatsache zuzuschreiben, dass der Möbelkauf die evolutionär bedingte "Domestizierung der Bestie Mann" ist.

Mit dem Politischen hatte mans diesmal allerdings nicht allzu sehr: Ein kleiner Ausflug zur Rente ("Wir brauchen keine Sterbehilfe – was wir brauchen, ist Sterbebereitschaft") und ein kurzes Relativieren der peinlichen Pisa-Studie mit einem Seitenblick auf Schlusslicht Brasilien ("Je blöder die Leut’ sind, desto öfter werden sie Fußballweltmeister") – das wars.

Dennoch keilten die beiden in einer herrlich amüsanten Art aufeinander ein, dass man stellenweise schon besorgt zu fragen geneigt war: "Was macht die böse Frau mit dem armen dünnen Mann?" Sie hatten nichts von der Energie verloren, die sie schon bei ihrem letzten Auftritt vor zehn Jahren in der Rennstadt versprühten: Keine Spur von "Früher sit-in, heute Holiday-Inn".


Letztlich kann man mit Fug und Recht sagen, dass die "Frankfurter Front" für ein paar Stunden "den ganzen Wahnsinn da draußen vergessen" machte – kein Wunder, wenn man ihn mit noch größerem Wahnsinn zudeckt! Umso schöner dann der Schlusssatz, der die Hoffnung auf Mehr im völlig begeisterten Publikum nährte: "Das war der Schluss, und sie kriegt noch 'n Kuss!"



Weitere Informationen im Internet unter http://www.fronttheater.de.