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Erschienen
"Cheek to cheek" mit Bill in Hockenheim
05/2004
"Tolle Musik macht nicht nur im Ohr Freude, sondern auch im Herzen" – besser könnte man das Erfolgskonzept der SWR4-Frühlingsrevue "Oh Heimatland", die in der letzten Woche von Böblingen aus gestartet ist und auf ihrer Tour durch acht baden-württembergische Metropolen Ende April auch in der Rennstadt Station gemacht hat, nicht beschreiben: Unter der wohlwollenden Aufsicht des SWR4-Maskottchens "Gießbert" (der übrigens verblüffende Ähnlichkeit mit Programmchef Martin Born aufweisen kann) zog das "Kurpfalzradio" vor einer gut besuchten Stadthalle eine bunte Show ab, die manchen Herzschrittmacher in den roten Bereich trieb. Dabei suggerierte der Titel "Heimatland" eigentlich genau das falsche: Die naheliegende volkstümliche Musik wurde gekonnt umschifft und dafür bis heute unangefochtene Hightlights aus der U-Musik präsentiert.

Als Garant für gute Laune gilt nach wie vor der aus Amerika stammende, seit fast 10 Jahren eingebürgerte William M. "Bill" Ramsey – der vielseitige Entertainer, der in 28 Filmen und unzähligen Fernsehsendungen zu sehen, auf 50 Single- und 30 Schallplatten, von denen er teilweise je weit über 500.000 verkaufen konnte, zu hören ist, fesselt seit über 40 Jahren die deutschen Schlagerfans. Den Titel "Souvenirs", mit dem 1959 der große Durchbruch gelang, hatte der weißbärtige Tausendsassa ebenso im Gepäck, wie einige andere Beispiele für unsterbliche Gassenhauer: Suleika, die "Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe" und "Mimi", die "ohne Krimi nie ins Bett" geht, heizten dem Saal gehörig ein. Dabei ist es nicht nur die ohne Frage mitreißende Musik, die den großen Erfolg Ramseys ausmacht: Es ist darüber hinaus die bemerkenswerte Bühnenpräsenz und Power, die der in diesem Monat 73 Jahre alt gewordene Entertainer nach wie vor in einer beeindruckenden Routine an den Tag legt. Zwar kaspert er nicht mehr wie einstens in großkariertem Sakko über die Bühne, aber Stimme, Mimik und Gestik sind noch frisch wie gehabt. Neben den Schlagerhightlights hat sich Bill Ramsey in den vergangenen Jahren mit Jazz-und Swing-Projekten wieder verstärkt seinen musikalischen Wurzeln zugewandt. Als Kostproben gab er den unvergessenen Ginger-Roberts-Fred-Astaire-Titel "Cheek to cheek" und schließlich noch als absoluten "Ausflipper" das durch die Andrews-Sisters bekannt gewordene "Bei mir bist Du schon". Tosender Beifall und für das durchaus schon etwas reifere Publikum unerwartetes stürmisches Kreischen kürten Bill Ramsey einmal mehr zum Star des Abends.

An seiner Seite präsentierten sich die mit volkstümlicher Musik bekannt gewordene Edith Prock, die Oldies wie "Liebeskummer lohnt sich nicht" und den Gitte-Schlager "Ich will nen Cowboy als Mann" in einer beachtlichen Autentizität ablieferte, und die Musikkabarettistin Ines Martinez. Martinez, die 2003 mit dem von "Frühlings-Revue"-Sponsor Toto-Lotto-Gesellschaft ausgelobten "Kleinkunstpreis Baden-Württemberg" ausgezeichnet wurde, musste für die Show ihr ausgezeichnetes Metier verlassen und brachte Erfolgsnummern der "großen alten Dame" des deutschen Schlagers, Caterina Valente: "Ganz Paris träumt von der Liebe“ und "Tipitipitipso" kamen der facettenreichen Stimme der jungen Frau, die viel von der warmen Erdigkeit Valentes mitbringt, sehr entgegen – ebenso wie der Trude-Herr-Reißer "Ich will keine Schokolade" ihrem überschwänglichen Temperament.
Bedauerlich dabei, dass die Technik dem Gesamteindruck einen gehörigen Dämpfer verpasste: Anders, als das von einem Radiosender zu erwarten gewesen wäre, der mit massig Equipment in die Halle einrückte, servierte man nur einen vagen Sound, in dem die Singstimmen häufig untergingen und eine nur lieblos ausgeleuchtete Bühne, die Ramsey und Konsorten gerne auch mal im Dunklen stehen ließ.

Begleitet wurden alle Stars und Sternchen von der SWR Big Band unter der Leitung von Klaus Wagenleiter. Die Musiker konnten im Background wie in eigenen Titeln wie "In the Mood" oder "Wir machen Musik" nicht nur ihre Herausragenden instrumentalen und improvisatorischen Fähigkeiten unter Beweis stellen, sondern vor allem Schlagzeuger Jörg Gebhardt brillierte im Duett mit den beiden Damen und mit "Something stupid" als durchaus glaubwürdiges Frank-Sinatra-Double.

Zwischen die musikalischen Beiträge streute Bernd Kohlhepp als schwäbische Kultfigur „Hämmerle“ Ansichten aus seinem ganz eigenen Kosmos, in dem man Alkohol nur trinkt, um ans Flaschenpfand ranzukommen und Sperrmüll alles das ist, "was nicht über Ebay entsorgt werde kann". Der kauzige Schwabe hatte nicht nur die Lacher auf seiner Seite, sondern ausnahmslos alle Gäste – kein Wunder, wenn einer behauptet, dass Männer aus genetischen Gründen nicht putzen könnten, dann aber dem Heuschnupfen mit einem grazilen "Vorwerk-Tango" zu Leibe rückt: "Ich hab heute Morgen ein Rapsfeld gesaugt".

Als schließlich zum Finale der Conferencier des Abends, der beliebte Radio-Moderator Michael Branik, zum Tutti auch noch gesanglich das Mikrofon ergriff, brodelte der Saal und bis in den letzten Winkel der Stadthalle machte sich das wohlige Gefühl breit, dass mit dieser "Frühlingsrevue" ein Musikevent Einzug gehalten hat, der noch lange Eindruck hinterlassen wird.





Nebenbei bemerkt: Rheumadecken mit SWR-Logo?

Einen ganz exzellenten Musikabend hatte SWR4 da in der Hockenheimer Stadthalle geplant. Mit Stars wie Bill Ramsey und Ines Martinez wurde der auch inhaltlich perfekt geliefert. Nicht bekannt war allerdings, dass der gebührenfinanzierte Südwest-Rundfunk offenbar in finanziellen Schwierigkeiten zu stecken scheint: Streckenweise nahm die "Frühlingsrevue" unter dem zauberhaften Titel "Oh Heimatland" nämlich Züge einer Butterfahrt auf die Insel Mainau an. Natürlich ist der Hinweis auf einen CD-Verkauf legitim und auch bei anderen Veranstaltungen üblich. Wer aber gezählte sieben Mal auf die CDs im Foyer hinweist, der rechnet entweder mit einer grassierenden Demenz bei seinem Publikum, oder zieht als nächstes Rheumadecken mit SWR-Logo unter dem Ladentisch hervor. Dabei hätte es doch an diesem Abend viel reizvollere Dinge im Angebot geben können: Das im glamourösen Gesamteindruck der Revue an eine ästhetische Katastrophe grenzende Kleid von Ines Martinez hätte sicherlich Spitzenpreise erzielt – wenn es nur von der Bühne verschwunden wäre. Oder man hätte in der Tradition von Bachelor-Partys gleich Martinez und Edith Prock selbst versteigern können – immerhin haben beide Damen in ihren Showblöcken das Klagelied von der Einsamkeit angestimmt und, behänd unterwegs auf Freiersfüßen, nach möglichen Labensabschnittsgefährten gefahndet.

Moderator Michael Branik pries einem Auktionator gleich die SWR Big Band an wie sauer Bier (was die erstklassigen Instrumentalisten, die durch eine bemerkenswerte Leistung überzeugen konnten, nun wirklich nicht nötig haben) und leistete sich dabei manchen Fauxpas gegen die "kleineren Rollen", in die er flugs auch Showgröße Bill Ramsey einschloss. Wenn schon verramschen, dann richtig: Pauker Jörg Gebhardt kommt dann als "Sinatra zum Anfassen" unter den Hammer, "Hämmerle" als Anti-Histaminikum und Big-Band-Chef Wagenleiter als ABBA-Björn.


Aber vielleicht bleibt jeder Schuster am Ende doch besser bei seinen Leisten: Der SWR macht weiter Radio und die Versteigerungen überlassen wir Sotheby’s.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.swr4.de, www.http://www.ramsey.de, http://www.inesmartinez.de und http://www.haemmerleswelt.de.