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Erschienen
Schweine in der Familie
05/2004
Die Familie wird größer – zum 1. Mai treten zehn weitere Länder der Europäischen Union bei. Noch haben sie den Status der "Filia", Reisefreiheit, Freizügigkeit, Arbeit – all das wird Schritt für Schritt in den nächsten Jahren eingeführt werden, bis in etwa sieben Jahren Estland als nordöstlichster Zipfel wirklich im gleichen Boot mit der Bundesrepublik sitzt. "Aus Nachbarn werden Partner", zumindest in dieser Frage gehen Kanzler Gerhard Schröder und CDU-Chefin Angela Merkel fast provokativ Hand in Hand: Freiheit und Frieden können nur auf diesem Weg gesichert werden. Und auch "Wohlergehen", wie der Vorstandsvorsitzende der Deutschland-AG etwas zögerlich hinterherschiebt.

Dennoch bestehen in der Bevölkerung große Ängste vor dem neuen "Marsch nach Osten". 67% der Bundesbürger erwarten nach einer Umfrage des Nachrichtensenders n-tv von der EU-Osterweiterung keine positiven Auswirkungen. Ganz im Gegenteil haben sich die Deutschen aus Frucht vor billigen Arbeitskräften und Flüchtlingsströmen bereits hinter meterdicken Mauern von Vorurteilen verschanzt.

Wahrscheinlich muss man mindestens einer Bundesregierung angehören, um den Freudentaumel nachzuvollziehen, mit dem in der Nacht zum 1. Mai überall in Europa zu den Klängen von Beethovens "Ode an die Freude", der heimlichen EU-Hymne, Feuerwerke abgebrannt wurden.

Das mag daran liegen, dass im Top-Management unseres Landes noch das gelingt, was in den Niederungen der "Durchschnittsverdiener" durch den Blick in den immer leerer werdenden Geldbeutel verhindert wird. In vielen Deutschen Städten haben die Gewerkschaften auf ihren traditionellen Kundgebungen Gerhard Schröder und Konsorten die Kündigung ausgesprochen. "Der Kanzler muss weg!" heißt es unumwunden auf zahlreichen Transparenten.

Allerdings, das muss an dieser Stelle auch einmal gesagt werden, jammern die Bananenrepublikaner auf äußerst hohem Niveau. Natürlich ist es schwer, sich vom lieb gewonnenen Luxus der Vollkaskogesellschaft, den wir gerne "soziale Errungenschaften" nennen, zu verabschieden. Trotzdem hat inzwischen Jeder eingesehen, dass es ohne tiefgreifende Einschnitte nicht weitergehen kann. Theoretisch. Ein jähes Ende nimmt die Reformbereitschaft der Deutschen aber immer dann, wenn sie persönlich betroffen sind. "Subventionsabbau? Nötig, keine Frage!" Aber doch nicht die Pendlerpauschale. "Rentenreform? Muss sein!" Aber bitte weder steigende Beiträge noch sinkende Auszahlungen. "Gesundheitsreform? Unbedingt!" Aber für mich bitte unter Bedingungen, die für mich alles beim Alten lassen.

Ein – zugegebenermaßen etwas zynischer – älterer Herr brachte es dieser Tage auf den Punkt: Die Deutschen dürften heute keinen Krieg mehr verlieren, weil sie vor lauter Wehklagen ihr zerstörtes Land nicht mehr aufbauen würden. "Satt und faul", so zog er Bilanz.

Vielleicht ein wenig überspitzt, keine Frage. Aber richtig daran ist, dass uns längst der Bezug zur Realität verloren gegangen ist, vielleicht auch das rechte Maß. Vor allem aber der Blick darauf, was "gerechte Verteilung der Lasten" wirklich bedeutet. Da macht sich der statistische Durchschnittsverdiener mit seinen 2230 Euro gediegen ins Hemd, wenn er zehn Euro Praxisgebühr abdrücken muss und denkt keine Sekunde darüber nach, wie es wohl dem Kollegen aus der untersten Lohngruppe ergehen mag, der sich unterhalb des Existenzminimums mit der gleichen Arztforderung konfrontiert sieht. Die Zahl der wirklich armen Mitbürger nimmt zu, immer häufiger sind Familien mit Kindern von einer auch objektiv mangelhaften Finanzausstattung betroffen. Komischerweise sind es fast nie diese tatsächlich bedauernswerten Bevölkerungsgruppen, die sich aufregen – dafür haben die nämlich meist gar keine Zeit zwischen Arbeit, Wickeln und Abwaschen. Nur wer sein Geschirr in die Spülmaschine neben dem 1000-Liter-Kühlschrank ("Amerikanischer Import, echt ein tolles Teil, vor allem der Eiswürfelbereiter – es geht doch nix über einen Averna mit Eis!") räumt, hat Zeit für Moratorien. Hier liegt unser wirkliches Risiko, das früher oder später auch in einen Volksaufstand münden kann: Wenn wir bei der dringend notwendigen Reform unserer staatlichen Systeme die Ärmsten vergessen.

Richtig ist, dass man die auch monetären Leistungsträger der Gesellschaft nicht so weit belasten darf, dass sie zur Leistung nicht mehr bereit sind. Richtig muss aber auch bleiben, dass bei einem Jahresverdienst jenseits der 50.000 Euro keine Existenzen mehr von Steuern und Abgaben bedroht werden können. Vielleicht würde beim nächsten Kurztrip nach Mauritius ein rascher Gedanke an diejenigen, die sich seit Jahren keinen Urlaub mehr leisten können, weil sie für 42 Stunden Maloche trotz Überstunden und steuerfreier Nachtarbeit nur lasche 1000 Euro überwiesen bekommen, wovon sie noch den Säugling und das schulpflichtige Kind durchbringen sollen, lohnenswert.


Wer einen seiner drei Jahresurlaube in die Karibik streichen muss, ist wirklich ein armes Schwein. Aber wenn er, nur um seinen eigenen Status zu sichern, den anderen die Butter vom kärglichen Brot kratzen muss, ist er nur noch ein Schwein.