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Erschienen
Deutschland bizarr:
Fast eine Million Menschen ergötzen sich an nackten Leichen
03/98
Am 1. März diesen Jahres gingen im Mannheimer "Museum für Arbeit und Technik" eine Ausstellung zu Ende, die nicht nur für das Landesmuseum einen Meilenstein seiner Geschichte darstellt, sondern die auch in ihrer Wirkung auf das Publikum, insbesondere auf die Spaltung der öffentlichen Meinung bislang von keiner anderen Exhibition übertroffen werden konnte.

Dabei schieden sich die Geister nicht am Wohl oder Weh des künstlerischen Gehaltes der Exponate: Vielmehr kam es zu einer sehr harten Konfrontation zwischen den Befürwortern und den Gegnern der Ausstellung, ob eine öffentliche Schau "als solche" in diesem Fall moralisch zu rechtfertigen sei.

Was war geschehen? DerHeidelberger Anatom Gunther von Hagens entwickelte eine neue Methode zur Konservierung organischer Gewebe: Die Plastination. Bei diesem Verfahren werden Fett und Wasser des toten Körpers durch einen Kunststoff ersetzt. Auf diese Art und Weise hat von Hagens mehr als 200 menschliche Organe und Körperteile präpariert. Seine "schönsten" Präparate stellte er mit einer Ausstellung im Mannheimer Landesmuseum unter dem Titel "Körperwelten" einem breiten Publikum vor.

In insgesamt fünf Monaten standen über 800000 Menschen - in der letzten Woche sogar 24 Stunden am Tag - zum Teil länger als sechs Stunden an, um ebenfalls einen Blick auf von Hagens Plastinate zu werfen.

Was nun zu der harten und in einer öffentlichen Diskussion ausgetragenen Konfrontation führte, war die doch sehr unterschiedliche Sichtweise der Ausstellung in den Augen von Hagens und mit dem Blick seiner Kritiker: Während der "Chef-Plastinator" vor allem den Willen nach unbedingtem Wissenszuwachs bei seinem Publikum zu entdecken glaubte, war die Körperwelten-Ausstellung für seine Kritiker nichts anderes, als ein "modernes Gruselkabinett".

Tatsächlich sind sich die meisten Psychologen einig: Angezogen fühlten sich die Menschenmassen nicht nur aus rationaler Neugierde am menschlichen Körper, sondern vom nicht von der Hand zu weisenden Nervenkitzel, den tote Menschen schon seit jeher auf die noch Lebenden ausüben. Wer sich selbst an den verschiedenen Exponaten (die Wahl dieses Wortes für einen ausgestellten toten Menschen ist mit voller Absicht getroffen worden, wie weiter unten noch zu erklären sein wird) vorbei geschoben hat, hat es unweigerlich an sich selbst gespürt: Die kalte Hand des Entsetzens greift nach jedem, sei er noch so distanziert dem menschlichen Sterben gegenüber.



Schlimmer aber noch, als der Umstand, daß sich ohne Zweifel der Großteil der Besucher mit den "Körperwelten" den in unseren modernen Tagen mölgichen Luxus leisteten, eine intellektuell aufgewertete neuartige Geisterbahn zu besuchen, ist, daß auch zahllose Kinder ohne jegliche Führung und Anleitung von Seiten ihrer Eltern kommentarlos vor die plastinierten Körper gestellt wurden. Da fragt man sich schon, welche Eltern eigentlich annehmen, ihrem fünfjährigen Kind könne das (zugegebenermaßen ohnedies sehr makabere) Ausstellungobjekte, bei dem einem plastinierten Mann die Haut komplett abgezogen und - zynischerweise – wie ein Mantel über den Arm gelegt wurde, verstehen, wie es von von Hagens vielleicht gemeint sein mag?

Mit allen bisherigen Einwendungen sind allerdings ausschließlich die psychologischen und pädagogischen Kritikpunkte, die an von Hagens Ausstellung laut wurden, angerissen.

Weitaus schwieriger ist und war die Auseinandersetzung mit der Frage, ob das ausstellen toter Leiber gegen Geld überhaupt moralisch statthaft ist. Damit wird abgefragt, welche ethnischen Werte wir an Kunst und Handwerk - nichts anderes als die Verbindung von beidem ist die Plastination – stellen und welche wir überhaupt daran stellen dürfen.

Eine Diskussion, die die Geister scheidet. Meine Ansicht ist, daß die Würde des Menschen auch über seinen Tod hinaus anhalten muß. Dieser ethisch-moralische Ewigkeitsanspruch schlägt sich in unzähligen Regelungen nieder, die in unser Allgemeinverständnis Einzug gehalten haben (z.B. die Regelungen zur Störung der Totenruhe, zur Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener usw.).

Nehmen wir nun aber als Arbeitshypothese an, daß die Würde des Menschen auch über seinen Tod hinaus unantastbar bleibt, dann sind die "Körperwelten" äußerst fraglich: Oder wie würden Sie es empfinden, auf einen Sockel gestellt zu werden, um sich von 800000 Leuten angrapschen zu lassen (jawohl, ein Teil der Exponate durfte – ein Schelm, wer dahinter eine Erhöhung des Grusel-Effekts sehen würde – auch berührt werden)? Darf man einen Menschen zu einem (Kunst)Objekt machen, oder würdigt man ihn damit nicht zu etwas herab, was er eigentlich nicht ist?

Bislang hat man so etwas in weitaus kleinerem Rahmen nur zu wissenschaftlichen Zwecken zugelassen. Und damit sind wir unweigerlich wieder am Ausgangspunkt und an der Stelle, wo alle Diskussionsfelder wieder ineinander verschmelzen: Die Frage, ob die "Körperwelten" eine moralisch vertretbare Angelegenheit sind, ist nur dann zu beantworten, wenn geklärt ist, ob sie denn eine wissenschaftliche Ausstellung ist.

Und darüber streiten die Götter in den verschiedenen Olymps unserer Wissenschaftler-Hochburgen anhaltend und unerbittlich.

Wie dem auch sei: Die Tore der Mannheimer Körperwelten sind geschlossen, die Exponate werden nun gewaschen und dann zur weiteren "Beglückung" horrorfreudiger auf der einen, wissensdürstiger Zeitgenossen auf der anderen Seite nach Asien verbracht. Und ob dort Diskussionen über Moral geführt werden, ist mehr als fraglich.

(mhw)